Petarden, Pranger, Panik – und ein Profi: Daniel Ryser im Interview mit Peer Teuwsen, Leiter des Schweizer Büros der «Zeit», über Journalismus im Ausnahmezustand.

Herr Teuwsen, seit vier Tagen steht ein junger Mann im «Blick» am Pranger. «Pranger ist unsere Aufgabe», sagte «Blick»-Sportchef Felix Bingesser dazu am Montag auf «Tele Züri». Ist das die Aufgabe von Journalisten?

Nein, das ist nicht die Aufgabe der Journalisten. Die Aufgabe des Journalismus wäre aufzuklären, wäre zu zeigen, warum derartige Ereignisse geschehen. Und es wäre auch die Aufgabe des Journalismus, zu beruhigen. Nicht zu dramatisieren. Das Gegenteil passiert. Gewisse Journalisten verlieren jegliches Mass. Es ist die Rede von «Krieg». Nicht nur in Boulevard-Blättern, auch in seriösen Blättern. Ich frage mich, wenn meine Kollegen derartige Worte und Metaphern gebrauchen, ob sie wissen, wovon sie reden. Wir befinden uns nicht im Krieg.

Aber das heisst es immer wieder, ich zitiere aus dem «St. Galler Tagblatt», aus dem «Tages-Anzeiger», und dem «Blick» sowieso: «Krieg!»

Wollen Sie die psychologische Erklärung oder die andere?

Die eine und die andere.

Der Journalist ist ein einsamer Mensch. Und in diesem Feld können sich offenbar Männer – wir reden hier ja ausschliesslich von Männern – aufspielen. Sie können sich zu einer gewissen Bedeutung erheben, indem sie Hilfssheriff spielen. Sie meinen, sie müssen die Arbeit der Polizei übernehmen – auch ohne Berücksichtigung der Unschuldsvermutung. Aber das ist die Aufgabe des Staates, der das Gewaltmonopol innehat. Aufgabe des Journalisten wäre zu zeigen, was passiert, wie es passiert, warum es passiert. Aber hier fehlt es den Journalisten an Objektivität.

Warum fehlt sie?

Es ist die zweite Erklärung, und die liegt auf der Hand: Es geht um Fussball. Da gehen mit vielen unserer Kollegen die Pferde durch. Sie sind eben nicht nur Journalisten, sie sind auch Fussballfans – und das nicht zu knapp. Die Sache, über die sie objektiv berichten müssten, ist für sie mit grossen Emotionen verbunden. Und deshalb bekommt das Thema auch ein derartiges Gewicht in den Medien. Unsere Kollegen stellen nicht mehr nüchtern die Frage: «Was ist da wirklich los?» Stattdessen haben sie das Gefühl, da machen uns ein paar unseren Fussball kaputt? Sie denken, da nehmen uns ein paar Idioten unser Spielzeug weg! Die professionelle Distanz ist weg. Die Journalisten sind Teil des Systems.

Man hat das Interesse verloren, den gesellschaftlichen Wurzeln auf den Grund zu gehen, die zu solchen Verhaltensweisen führen – denn das ist so schrecklich komplex. Da wählt man lieber die grosse Einfachheit, die ist leichter zu transportieren. Was mich nachdenklich stimmt ist, dass diese Tendenz auch in den seriösen Medien Einzug gehalten hat. Die Stimmung wird regelrecht angeheizt. Und die Polizei spielt dieses Spiel mit, indem sie zur Fahndung Filme und Fotos ins Netz stellt, die liebend gerne von den Medien aufgenommen werden. Die Sache dreht so immer schneller, statt dass man sich diese Einzelfälle – etwa auch die Krawalle am Zürcher Bellevue – gründlich anschaut. Man spielt die Sache rauf, statt sie runterzuspielen.

Runterspielen?

Die Frage drängt sich doch auf: Warum wird diesen Geschichten ein derartiges Gewicht beigemessen? Wieso liest man nie einen Chefredaktor, der auf der Front schreibt: «Jetzt behalten wir die Nerven und schauen uns die Sache mal genau an. Wie schlimm ist es wirklich? Was ist zu tun? Was kann man überhaupt tun?» Medien sollen doch nicht so tun, als könnten sie ein derart weitgefächertes Problem lösen.

Der «Blick» probiert es bei dem jungen Mann, der sich mit einer Petarde drei Finger wegsprengte, inzwischen mit der Brechstange: Foto des Wohnortes des Verletzten, dann Anruf beim Chef, dann werden die Eltern auf der Strasse abgefangen, blossgestellt, weil sie nicht mit dem Journalisten reden wollen. Offenbar hat hier ein Millionenkonzern einen jungen Mann, der gegen ein Gesetz verstossen hat, zum Freiwild erklärt.

Dieses Vorgehen ist ein Skandal. Und dann ist es ja nicht einmal so, dass es irgendwas zur Problemlösung beitragen würde. «Blick tut was», das ist das Motto. Es ist die Sündenbock-Theorie. «Jetzt haben wir endlich einen. Und den machen wir jetzt so richtig fertig». Man will dem Leser den Eindruck geben, es passiere etwas. «Wenn schon der Staat versagt, dann machen wenigstens wir etwas», soll die Botschaft sein. Es ist eine Verkennung der Rolle und ein massives Überschreiten journalistischer Grenzen.

 

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20 Responses to «Dieses Vorgehen ist ein Skandal» – «Zeit»-Chef Peer Teuwsen über die aktuelle «Blick»-Kampagne

  1. Roger Höhener sagt:

    Nagel auf Kopf!

  2. A. sagt:

    Daniel Ryser ich will dir einfach mal danke sagen. DANKE!

  3. L. sagt:

    sehr schade, dass man solch nüchterne und sachliche Kommentare nur in ‘kleinen’ Blogs und nicht in ‘grossen’ Tageszeitungen lesen kann…
    aber immerhin gibt es noch vernünftige Medienleute. Danke!

  4. rico sagt:

    mal abgesehen von der “petarden-trottel”-kampagne auch bemerkenswert: der blick sorgt in jüngster zeit wieder für zuweilen grotesk anmutende fehlermeldungen. beim böller-vorfall in rom wurden aus 3 verletzten kurzerhand 30 gemacht – auch im print. ein pyro-video der luzern-fans wurde kurzerhand zum pyro-skandal hochstilisiert, weil irgendein fan angeblich einen pyrozündenden angegriffen habe. dabei wars bloss ein volltrunkener, der ein foto der aktion machen wollte und dabei die treppe runtergestürzt ist… to be continued.

  5. [...] Ryser interviewt Peer Teuwsen, Chef der Schweizer Abteilung von Die Zeit, auf Nation of Swine: Und dann ist es ja nicht einmal so, dass es irgendwas zur Problemlösung beitragen würde. «Blick [...]

  6. amade.ch sagt:

    wow, dank für dieses interview.

  7. Bernd Körner sagt:

    Endlich mal eine vernünftige Analyse. Es ist nicht nur beim Fussball so. Die BaZ sprach auch bei der relativ harmlosen “Voltamatte-Besetzung” vom Krieg – Ja es ist ein Skandal.

  8. Beat sagt:

    Danke für diese klaren Worte! Schlimm ist ja dass vor allem auch bis anhin seriöse Medien wie der Tagesanzeiger je länger je mehr den beschriebenen Mechanismen verfallen. Absolut unerträglich.

  9. Pat sagt:

    Wahrscheinlich der erste vernünftige Artikel, den ich zur Sache gelesen habe. Merci!

  10. [...] Nation of Svine: «Dieses Vorgehen ist ein Skandal» – «Zeit»-Chef Peer Teuwsen über die aktuelle «Blick»-Kam… [...]

  11. Capitão sagt:

    Der aktuelle Tiefpunkt der Pyro-Debatte in Deutschland:
    http://www.publikative.org/2011/11/10/fusballgewalt-von-auschwitz-schweigen/

  12. Peter sagt:

    kann bitte jemand, der sich auskennt, mal bitte beschwerde beim presserat machen, mindestens?
    ich wundre mich, dass sich noch niemand beim blick-journalisten zu hause beschwert hat….

  13. rioma sagt:

    Die psyche des Männlichen Journalisten ist ein schwarzes loch

  14. [...] «Dieses Vorgehen ist ein Skandal» – «Zeit»-Chef Peer Teuwsen über die aktuelle «Blick»-Kam… [...]

  15. Sam sagt:

    Der eigentliche Skandal ist genau genommen, dass es zehntausende, teils vom Privatfernsehen erheblich verblödete kleinbürgerliche Spießer gibt, die so einen Dreck lesen, und dabei gerne jede Denkanstrengung vermeiden.

    Menschenrechtsfreundliche Grüße
    Sam
    Wer zu Weihnachten was Gutes tun will spendet an mafianeindanke.de

  16. [...] 10. November publizierte Daniel Ryser dazu ein Interview mit dem „Zeit“-Chef Peer Teuwsen, und Philippe Wampfler reichte Beschwerde beim Schweizer Presserat [...]

  17. Travis sagt:

    Ryser Daniel: Vielen herzlichen Dank!Sie sind einer der ganz, ganz wenigen Journalisten, die veruschen Abstand zu wahren und das ganze nüchtern und mit journalistischen Grundsätzen (die leider verlorgen gingen) zu analysieren. Traurig ist, dass nur auf eher unbekannten Pages und Zeitungen so berichtet wird. Evtl. müssten die “wahren” Sportjournalisten vermehrt auf Publikationen wie “Weltwoche” und “Wochenzeitung” zurückgreiffen. Es geht um den Fussball, und nicht um Kampagenen für Ringier und TA Media. Und seit neustem macht auch noch die NZZ mit. Trauriges Bild. Wenn man dann noch private Geschichten von diesen “Retter-Journalisten” kennt, dann sage ich: Hey Männer, kehrt doch zuerst vor eurer eigenen Haustüre! Möchtegern-Jesus. Weiter so Herr Ryser! Bitte aber auf Publikationen, die auch von der breiteren Masse gelesen werden. Wir Fussballfans sind ihnen dankbar. Es ist zu wichtig, dass hier sauber recherchiert wird.

  18. [...] Ryser konfrontiert Zeit-Chef Peer Teuwsen im „Nation of Swine“-Interview (10.11.2011) mit der Aussage von Blick-Sportchef Felix Binsegger gegenüber Tele-Züri (7.11.2011): [...]

  19. [...] siehe auch: Zeit-Chef Peer Teuwsen im Interview [...]