FCZ-Präsident Canepa und der Pyro-Reporter
Ich hatte FCZ-Präsident Ancillo Canepa in der Sendung «Club» vom 11. Oktober gefragt, ob er, mal ganz ehrlich gesagt, nicht auch der Meinung sei, dass eine erneute Legalisierung von Pyro in den Stadien für alle Seiten nicht das Beste wäre. Er beugte sich vor und sagte: «In meinem Stillen Kämmerchen, wenn niemand zuhört, dann bin ich bei Ihnen, Herr Ryser.» Beim Tages-Anzeiger war das angekommen. Man fragte, ob ich das nicht auch aufschreiben wolle. Ich schrieb. Der Tages-Anzeiger druckte. Zwei Tage später aber hatte man auf der Sportredaktion von der Sendung «Club» offenbar noch nie etwas gehört gehabt. Vielleicht dachte man aber auch einfach: Augen zu und durch. Was nicht sein darf, das kann nicht sein. Statt mit Canepa zu debattieren, ob er das wirklich so gemeint hatte im «Club», und, wenn ja, wie er sich denn eine Legalisierung oder Tolerierung vorstelle, liessen die beiden Journalisten den Journalismus liegen. Sie fragten nicht, sie stellten fest: «Eines bleibt trotzdem: Pyros haben im Stadion nichts zu suchen.» Canepa wich aus, sprach von was anderem. Die Journalisten fragten nicht nach. Und so war man nochmals davongekommen. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Und so drehen die Medien weiter am Hysterie-Rad. Kollegin X, die sich in ihrer beruflichen Tätigkeit hin und wieder für Fans einsetzt, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen, und die sich deshalb sehr gut mit der Materie auskennt, hatte rückblickend recht, als sie mich überzeugte, in den «Club» zu gehen: Es ist wichtig, dagegen zu reden, und das Feld in Debatten, in denen schon fast Denkverbote herrschen, nicht einfach Bürokraten und vor allem nicht Leuten zu überlassen, die finden, für einige Leute soll unser Rechtsstaat nicht mehr gelten (und am besten für alle anderen bald auch nicht mehr – wer nichts verbrochen habe, der habe ja auch nichts zu befürchten, meinen diese Leute… Ho ho… Jetzt neu! Steine werfen auf den Gläsernen Bürger mit Nation of Swine!).
In Deutschland läuft dieselbe Pyro-Debatte inzwischen auf Hochtouren. Auch der Boulevard schlägt da inzwischen neue Töne an: Am selben Abend, an dem der «Club» stattfand, spielte Deutschland in der EM-Qualifikation gegen Belgien. Die Belgier brannten Fackeln ab. ZDF-Reporter Oliver Schmidt sagte… Er sagte… Nun, schaut kurz selbst, was er sagte: Und zwar hier. Und das hat dann in Deutschland eine riesige Debatte ausgelöst, weil Schmidt sich in überraschendem Ton zu etwas äusserte, was nicht sein darf, nicht sein kann. Ausgerechnet die «Bild»-Zeitung lieferte nun – der während Jahren selbst geschürten Hysterie angesichts des grossen Leerlaufs wohl nicht mehr ganz vertrauend – eine nüchterne, spannende und sehr lesenswerte Übersicht mit weiterführenden Links, wo die Pyro-Debatte in Deutschland steht: «Jetzt spricht der Pyro-Reporter». Die Schweiz wird nicht drumherumkommen, auch wenn man in der Zwischenzeit lieber weiter an der Gaga-Schiene dreht.
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