Blatter: «In der Fifa gibt es keine Korruption»

Roger Köppel und seine «Weltwoche»: Engagement für Filz und Korruption und gegen investigativen Journalismus und die Pressefreiheit
Das Schöne an der «Weltwoche» ist ja: Immer wenn man glaubt, schlimmer gehts nicht mehr, schafft sie es, noch schlimmer zu werden. Wobei «schlimm» in diesem Fall nicht das richtige Wort ist: «Lächerlich» trifft es schon eher. Es gehört schon lange zum Konzept dieser Postille, stets das Gegenteil zu behaupten. Diese Woche haben sich Chef Roger Köppel und Kolumnist (und ehemaliger «Blick»-Sportchef) Walter de Gregorio an eine Realitätsumkehr gewagt, welche die «Weltwoche» zur Satire-Zeitschrift macht: Einen Monat nachdem britische Reporter der «Sunday Times» mit fingierten Bestechungen die Korruptionsanfälligkeit des Fifa-Exekutivkomitees offenlegten, und knapp zwei Wochen nachdem Fifa-Kritiker Andrew Jennings in der britischen BBC (hier und hier) eine Liste von Fifa-Schmiergeldempfängern präsentierte, erklärt der Fifa-Präsident Joseph Blatter im Interview mit der «Weltwoche»: «In der Fifa gibt es keine systematische Korruption.» (Nur am Rande: Was sagt es eigentlich, dass Blatter das kleine, aber wichtige Wort «systematisch» benutzt?)
Das Interview will sich den Anschein geben, endlich mit den haltlosen Vorwürfen gegen die Fifa aufzuräumen, endlich die Wahrheit über den Sonnenkönig und sein Imperium ans Licht zu bringen. Nun, das Gespräch ist Realsatire pur. Einige Ausschnitte:
Die englischen Zeitungen kämpften mit härtesten Bandagen. Die jüngsten WM-Entscheide seien der Beweis für die Käuflichkeit der Fifa.
So ein Unsinn. Wir müssen aber präzisieren: Es gibt vor allem einen Mann, den Engländer Andrew Jennings, einen besessenen Anti-Blatter-, Anti-Fifa-Journalisten. Er verfolgt mich seit zwölf Jahren. Und er hört nicht auf, gegen mich und die Fifa zu schiessen. Es ist jedoch nicht an mir zu beurteilen, ob seine Berichterstattung einen Einfluss auf den Ausgang der WM-Vergabe hatte.
Diese Passage ist ja noch amüsant. Blatter prügelt auf Jennings ein, das ist nicht neu: Immerhin ist Jennings der einzige Journalist weltweit, der ein Hausverbot für alle Fifa-Veranstaltungen erhalten hat. Sein Buch «Foul», das die – nun ja: Machenschaften des Weltfussballs – anprangert, ist bis heute auch dank der Fifa nie auf Deutsch erschienen. Die Journalisten Köppel und de Gregorio, die das wissen müssten, könnten an dieser Stelle fragen: «Was behauptet er denn?» oder: «Welche Vorwürfe richtet er gegen Sie?» oder auch: «Was sagen Sie zu seinen Vorwürfen?». Aber das tun die beiden nicht: Sie fragen – gegen unliebsame, kritische Journalisten schiessend:
Warum gehen Sie nicht gerichtlich gegen die Verunglimpfungen vor?
Hoho … Ist das wirklich ihr Ernst? Die Antwort findet sich vielleicht auf dieser schönen Liste von Andrew Jennings («Ten reasons why Sepp can never sue»). Und dann gehen Blatters Angriffe – unwidersprochen – weiter.
Es ist systematisch. Das System wirkt über den englischen Kanal hinweg. Im Schlepptau von Jennings schreiben die deutschen Journalisten Jens Weinreich und Thomas Kistner. Dann gibt es ein paar Schweizer, die das kritiklos nachbeten. Was kann man dagegen unternehmen? Ich argumentiere, es gibt Gerichtsentscheide, die Klartext reden, aber die Argumente werden von diesen Kritikern nicht einmal zur Kenntnis genommen. Sie wärmen uralte Vorwürfe auf und wiederholen sie. Doch die Vorwürfe stimmen nicht. Die jüngste, glasklare Wahl der WM-Orte hat aufgezeigt, wie sehr sich diese extreme Fifa-Kritik auf dem Holzweg befindet. Ich finde es so kleinlich, was hier geschrieben wird. Ich staune, dass sogar qualitativ anspruchsvolle Verlage das überhaupt noch abdrucken.
Okay, es ist gar nicht so einfach, so viel Bullshit auf einmal zu schlucken … Nochmal:
Es gibt Gerichtsentscheide, die Klartext reden.
Zur Verständlichkeit: Blatter spielt auf den ISL-Prozess von 2008 an. Natürlich wurde die Fifa damals nicht verurteilt. Aus dem einfachen Grund: Die Fifa war nie angeklagt – und das hat Blatter auch schon zur Genüge erzählt. Im Prozess ging es um den Konkurs der Fifa-Sportmarketingfirma ISL/ISMM. Als schöner Nebeneffekt wurde aber bekannt (und das ist gerichtsfest!), dass die ISL in den neunziger Jahren 140 Millionen Franken Schmiergelder an verschiedene Sportverbände gezahlt hatte, auch an die Fifa.
Dass Blatter im gleichen Atemzug – ohne Rückfrage – über zwei Kollegen und die NZZ («qualitativ anspruchsvolle Verlage das überhaupt noch abdrucken») herziehen darf, lass ich jetzt mal einfach so stehen. Res ipsa loquitur …
Dann fährt Blatter fort:
Man stürzt sich auf uralte Kamellen im Zusammenhang mit dem Konkurs der Sportvermarktungsfirma ISL/ISMM. Ich wüsste nicht, was man der Fifa vorwerfen könnte. Nichts, was von juristischer Bedeutung wäre, ist dort geschehen. Die Unseriosität der Angriffe zeigt sich darin, dass man mich gar nicht erst fragt. Die Anti-Fifa-Journalisten sind nicht an der Wahrheit interessiert, sondern an der Fortschreibung ihrer falschen Vorurteile.
Uralte Kamellen? Erst im Sommer 2010 wurde der Fall endgültig ad acta gelegt, weil zwei Fifa-Funktionäre eingestanden, Schmiergelder erhalten zu haben. Im Gegenzug leisteten sie eine Wiedergutmachungszahlung von 5,5 Millionen Franken (pdf).

Nichts von juristischer Bedeutung? Nur 140 Millionen Franken Schmiergeld, der grösste, bekannte Korruptionsfall der Schweizer Wirtschaftsgeschichte …
Zur Erinnerung die Liste der Zahlungen von 1989 bis 2001 (übernommen vom Kollegen Weinreich):
Nicht fragt? Ich habe mehrmals um Stellungnahmen bei der Fifa in der ISL-Sache gebeten. Eine befriedigende Antwort habe ich nie erhalten. Auch als ich an der Pressekonferenz im Fall Sunday-Times-Temarii-Adamu den neuen Ethik-Chef Claudio Sulser fragte, ob denn nun auch die bereits bekannten Schmiergeldempfänger Teixeira und Leoz mit Suspendierungen zu rechnen hätten, antwortete dieser nur, er habe noch nie etwas von diesen Vorwürfen gehört. Wie Blatter persönlich reagiert, wenn man nach dieser Sache fragt, sieht man übrigens hier:
… Die Realsatire geht noch weiter. Zudem finden sich faktische Fehler im Interview. Im Laufe des Tages werde ich noch das eine oder andere Dokument nachliefern, wo ersichtlich ist, dass die Vorwürfe gegen die Fifa nicht einfach aus der Luft gegriffen sind. Und wenn ich noch dazu kommen, werde ich auch noch einige Sachen richtigstellen, damit Köppel und de Gregorio beim nächsten Interview mit König Sepp etwas besser vorbereitet sind …
Hier also die versprochenen Gerichtsunterlagen aus dem ISL-Prozess, wo unter anderem eindeutig steht, dass das ExKo-Mitglied Nicolás Leoz Schmiergelder erhalten hat. Und die ebenfalls erwähnte Firma Renford Investments wurde übrigens von Ex-Fifa-Präsi und IOC-Mitglied João Havelange sowie ExKo-Mitglied und WM-2014-Veranstalter Ricardo Teixeira geführt. Hier eine klitzekleine Auswahl der Zahlungen …
Falls jemand immer noch nicht versteht, was diese Zahlen bedeuten, das Zitat aus dem Gerichtsdokument:
Bei diesen Zahlungen handelt es sich um Vergünstigungen (Schmiergelder) an Drittpersonen, die direkt oder indirekt mit Verträgen, welche die ISMM Gruppe abschloss, in Zusammenhang standen.
Und was sagt Sepp Blatter in der «Weltwoche» dazu? Nochmal im O-Ton, weil es so schön ist:
Ich argumentiere, es gibt Gerichtsentscheide, die Klartext reden, aber die Argumente werden von diesen Kritikern nicht einmal zur Kenntnis genommen. Sie wärmen uralte Vorwürfe auf und wiederholen sie. Doch die Vorwürfe stimmen nicht.
In den Gerichtsunterlagen, die offenbar weder Köppel noch de Gregorio gelesen haben, heisst es:
Aus Zeitgründen verzichte ich heute darauf, weitere Faktenfehler in den Interviewfragen aufzulisten. I think I made my point here …
PS: Oben rechts darf man übrigens flattrn…
Bonus Tracks:
- Hier noch die gestrige Ausgabe der Classe politique, wo unter anderem der ehemalige ISL-Manager und heutige SVP-Nationalrat Roland Büchel (der im Weltwoche-Interview ebenfalls verunglimpft wird) über die Fifa spricht.
- Jens Weinreich bloggt hier übrigens über die «akute Wahrheits-Allergie» der Fifa
- Ausserdem hat SFLB, die Werbeagentur der WOZ, das Blatter-Interview kurz und knapp zusammengefasst:
10 Responses to Blatter: «In der Fifa gibt es keine Korruption»
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Blogs
- «A daily look at war, sports, and everything in between» – Der New-Yorker-Blog von Amy Davidson (englisch)
- Crownpropellers Blog: Jump, Jazz, Jive, Vintage R'n'B
- Jens Weinreich – Blog des investigativen Sportjournalisten
- Matt Taibbi – Der Politreporter des Rolling Stone (englisch)
- When Saturday Comes – The Half Decent Football Magazine










Die Vorspurungen durch Köppel lassen aufhorchen. Christoph Blocher wird der nächste FIFA-Präsident werden. Ein Kandidat muss A) Schweizer sein und B) einen ausgezeichneten Leumund haben. Nur Schweizer wie Blatter (und bald Blocher) können überhaupt Korruption in der FIFA verhindern.
Danke Carlos!
[...] Sepp Blatters Wahrheitsbeugungen und Wahrnehmungsstörungen – Carlos Hanimann hat mit dem Zählen begonnen. [...]
wunderbar aufbereiteter artikel. Danke!
[...] FIFA-Boss Sepp Blatter kümmert sich um das Image seines Verbandes mit Interviews in der Schweizer Weltwoche, aber auch in deutschen Medien. Blatter lügt, dass sich die Balken biegen. Das belegt der Schweizer Carlos Hanimann unter anderem durch Gerichtsdokumente. [...]
schön aufgearbeitet! wahrlich eine journalistische bankrotterklärung der WeWo!
Lustig, ich habe die Weltwoche nicht gelesen sondern nur das Titelbild beim Kiosk gesehen und konnte mir schon denken, was die Stossrichtung des “Interviews” sein würde. Ein durchsichtiges Spielchen …
Walter de Gregorio. Da war noch was und nicht nur Blick. Da war auch SonntagsZeitung und die schönen schönen “Enthüllungen” zu den bösen bösen Terroristen. Counter Insurgency. Ein Abstieg jetzt, das mit Blatter.
[...] so früh im neuen Jahr aber nicht verderben lassen – und ignorieren das Gebrabbel. Ich habe mich hier schon ausführlich zu den Fakten in Sachen Fifa und Korruption ausgelassen … stattdessen [...]
[...] (Köppel-deGregorio-Blatter) im Dezember in einem Anfall von Antijournalismus behaupteten, in der Fifa gebe es «keine Korruption», und der Sonnenkönig Anfang Jahr dann feierlich ein sogenanntes Compliance-Gremium für die Fifa [...]