Konrad Hummlers erste Amtshandlung als Dorfkönig
Carlos Hanimann | 7. Juli 2010 | 6 Comments
Konrad Hummler, Privatbankier aus St. Gallen, ist mutmasslich ziemlich verärgert. Er hat den Inserateauftrag der J.S. Bachstiftung im Ostschweizer Kulturmagazin Saiten gekündigt.
Im April hatte das Saiten mehrere Artikel zum Titelthema «Dorfkönige» publiziert. Der Kollege Kaspar Surber nahm dies zum Anlass, über den Privatbankier Hummler und sein Gefolge zu recherchieren. Er schreibt: «Das ist die Geschichte über Konrad Hummlers Rolle in St. Gallen und darüber hinaus. Ich habe sie journalistisch recherchiert. Aber ich schreibe sie auch als einer von 74’000 Einwohnern dieser Stadt.»
Entstanden ist ein ausführliches Portrait («Hummlers Hofstaat», pdf) eines selbsternannten Querkopfs, der die halbe Stadt zusammenkauft und sich aufführt – nun ja – wie ein Dorfkönig. Surber hat während der Recherche bewusst nicht mit Konrad Hummler gesprochen. Seine Begründung im Artikel: «Es könnte das erste Mittel gegen den Feudalismus sein: nicht mitzumachen.»
Kurz darauf hat Hummler beschlossen, die Inserate im Saiten zu streichen. Eine ziemlich unsouveräne und unmoderne Reaktion. Hummlers Schnellschuss zeugt von der Unfähigkeit, Kritik an seiner Person gelten zu lassen. In seinem Leserbrief zum Artikel «Hummlers Hofstaat» schreibt er, dass das Saiten eine «anarcho-libertäre Grundhaltung gegen vermutete oder tatsächliche Machtanmassung» vermissen lasse. Vielleicht hat er Surbers Artikel nicht richtig gelesen – genau gegen diese «vermutete oder tatsächliche Machtanmassung» schreibt er ja an. Oder stört sich Hummler einfach daran, dass der Artikel die Machtanmassung bei Hummler höchstpersönlich findet?
Im Folgenden die Reaktion des Privatbankiers auf den Artikel «Hummlers Hofstaat» :
Es ist zuzugeben: Der Vorwurf des Dorfkönigs sitzt. Er ist fies, denn alles, was ich künftig in diesem Dorf noch tun könnte oder wollte, wird nun die Konnotation «ist ja nur feudales Gehabe» erhalten. Natürlich nicht bei all den vielen Leuten, die Saiten ohnehin nicht lesen, aber eben trotz allem bei jenen, die das tun und die dazu beitragen könnten, dieses Dorf noch etwas interessanter zu gestalten. Und selbstverständlich bei mir, der ich mich ziemlich als Gegenbild eines «Dorfkönigs» verstehe. Kasper S., der Verfasser des Artikels, mied tunlichst jeden Kontakt mit dem Objekt seines Recherchierjournalismus, nahm dafür meine Freunde und Bekannten aus, ebenfalls ohne Bestätigung seiner Thesen zwar. Er wollte mich à tout prix nicht kennenlernen, weil er sich der Möglichkeit einer Verunsicherung nicht aussetzen wollte. Kasper S. ist mutmasslich ziemlich feig.
Die erste Handlung des «Dorfkönigs», vom Verdacht feudalen Gehabes loszukommen, liegt in der Kündigung des Inserateauftrags der J. S. Bachstiftung in Saiten. Publikum haben wir eh schon lange im Übermass für das laut Kasper S. fragwürdige Projekt. Das Inserat in Saiten war seit je aus reiner Sympathie platziert. Sympathie? Darf der «Dorfkönig» nicht mehr haben. Wird er auch nicht mehr.
Sympathie – wofür übrigens? Ich habe mir die letzten paar Ausgaben von Saiten noch einmal durchgeschaut. Ist noch zu spüren, was die Publikation einstens beseelt hat? Kultureller Aufbruch, frecher, aber träf-gekonnter, tagblatt-konträrer Journalismus, anarcho-libertäre Grundhaltung gegen vermutete oder tatsächliche Machtanmassung? Weit gefehlt. Was wir heute zu lesen bekommen, ist ein aufgemotzter Dorfkalender, inseratenmässig finanziert von den inflationär um sich greifenden, oft nur mässig besuchten, hochsubventionierten Veranstal-tungen, drapiert mit zusammengekleistertem schlechtem Fotomaterial und nicht einmal halbwegs lustigen Cartoons, das kulturelle Alibi redaktionell zusammen-gekratzt mit Möchtegern-Meienberg-Material. Meienberg ist tot; er hat im Dorf nur Würstchen hinterlassen.
Konrad Hummler, St. Gallen
Res ipsa loquitur …
- Den Artikel «Hummlers Hofstaat» gibts hier als pdf-Datei
- Zum Ostschweizer Kulturmagazin Saiten gehts hierlang
- Und zu Hummlers Antwort auf einen nationofswine-Artikel gehts hierlang
Comments
6 Responses to “Konrad Hummlers erste Amtshandlung als Dorfkönig”

Juli 8th, 2010 @ 14:06
[...] Rundbriefschreiber) und Marina Masoni (ehemals Miss Sozialabbau im Kanton Tessin). Obwohl in diesem aufschlussreichen Stück Gonzojournalismus noch ein paar weitere heisse Kandidaten für die ganz vorderen Plätze genannt werden. Macht ja [...]
Juli 8th, 2010 @ 15:45
Wo doch im Artikel über Hummler von den Monatsheften die Rede ist; ich wünschte mir auch mal einen fundierten Artikel über Robert Nefs Verbindungen. Der St. Galler Robert Nef (Liberales Instituts) war bis 2008 Mitherausgeber der «Schweizer Monatshefte» und liess seine Schrift «Der Wohlfahrtsstaat zerstört die Wohlfahrt und den Staat» bei Ulrich Schlüers «Schweizerzeit» verlegen -
wie ich neulich bei einer Recherche festgestellt habe:
http://ivinfo.wordpress.com/2010/06/29/lue-zersch-wohar-dass-dr-wind-waait/
Juli 9th, 2010 @ 12:55
friede, freude, eierkuchen?
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Konrad-Hummlers-rger-mit-einem-kleinen-Kulturmagazin/story/18440007
Juli 9th, 2010 @ 15:51
Keine Ahnung wie friedlich und eierkuchig. TAonline hat das ja ok gemacht und den Hummler gefragt. Und er gibt zu, dass er ueberreagiert hat…
Juli 14th, 2010 @ 14:53
danke fürs pdf vom ersten artikel… der “abspann” ist hammr! gegen faschistische reinheitsgebote schreiben, auf die apartheit spucken, etc. etc. aber *stolz* darauf sein, mit einem reichen mann keinen kontakt zu pflegen, keine geschäfte zu machen, welche sein geld auch noch in kulturelle projekte steckt… das ist… also… kampf der kulturen? hier der abspann aus dem pdf von euch:
Ich habe für diesen Artikel nicht mit Konrad Hummler gesprochen. Es könnte das erste Mittel gegen den Feudalismus sein: nicht mitzumachen.
Kaspar Surber, 1980,
war bis 2005 «Saiten»-Redaktor und arbeitet
heute bei der «Woz». Als Frohegg-Betreiber
war er einmal mit Manuel Stahlberger zu Konrad Hummler eingeladen. Hummler fragte sie an, ob man zusammen im Waaghaus eine Kulturbeiz betreiben wolle. Sie haben abgelehnt.
August 10th, 2010 @ 13:48
Zunächst einmal herzliche Gratulation an Kaspar Surber zu dem Meisterstreich, Faulheit (oder Feigheit?) elegant zu begründen mit dem Hinweis, man habe “bewusst nicht” mit dem Objekt des Artikels gesprochen. Auf diese Weise lässt sich eigentlich in Zukunft jede journalistische Unterlassung rechtfertigen.
Aber was ich aus dem andseren Artikel von Herrn Distelirgendwas gelernt habe: Wer Kultur macht mit Staatsgeldern, der ist ein Held. Wer Kultur macht mit seinem eigenen Geld, dessen Projekt ist “kindisch”. Und Schiedsrichter darüber, was gut und was kindisch ist, das ist ein Club aus Ryser, Hanimann, Surber, Distelirgendwas und Co. Ach schöne, einfache, überschaubare Welt.
Persönlich finde ich ja, dass der WoZ-Klüngel den feudalistischen Strukturen von Hummler schwer Konkurrenz macht. Inzestuöser kann man sich gar nicht gegenseitig auf die Schulter hauen.