Der letzte Raucher – All that lives must die
Weil die Welt langsam vor die Hunde geht, sollen uns neue Verbote das Gefühl geben, dass alles gut ist. Wir essen Tuna-Babys und rauchen ab dem 1. Mai nun halt draussen vor der Tür, während Afrika im Aids versinkt und Afghanistan in den Bomben. Das ist okay. Irgendwo muss man anfangen. Prioritäten setzen. Usw. Das hat auch schon der grosse Charles Pfahlbauer jr. gewusst, Kolumnist des Ostschweizer Kulturmagazins «Saiten». Hier seine grossartige Festansprache zum rauchfreien 1. Mai.
O ja, hier bin ich, schauen Sie mich genau an, kein Erbarmen und keine falsche Rücksichtnahme, geben Sie alles, erzählen Sie mir von der Chronic Obstructive Pulmonary Disease und von ihrem Grossvater oder dem Marlboro-Man, wie er qualvoll sterben musste mit verengten Lungen, kleben Sie mir die Augen auf und lassen mich mit hundert Stunden Mario Cortesis Kehlkopfmikrokrüppeln allein, schicken Sie mich auf einen letzten verkrebsten Marathon, und halten Sie ein paar träfe Sprüche bereit: Ich bin der letzte Raucher.
Ja, zeigen Sie mit dem Besserwisserfinger auf mich und führen Sie mich Ihren Kindern vor, die im Nurnochnichtraucherzugabteil auf und ab rennen und dummes Zeugs daherschreien, und wenn man ihnen mal ein Bein stellt, wie am Spiess schreien und einen als Teufel verraten, bis der Vater kommt und man prompt eine Schlägerei ins Gesicht hat, so friedlich ist es im Nichtraucher. Ja, ich bin der letzte Raucher, demnächst hauptberuflich und zur Knappnochlebend-Ausstellung an Gesundheitsseminaren der Lungenliga verpflichtet.
Durchleuchten Sie meine Atemorgane und stecken Sie mich ins Sauerstoffzelt, wo ich lebendigen Leibes verbrenne vor dem Verlangen nach einem Glühstengel, es ist der Horror, der Horror, mein Auswurf sieht stärker aus als ich. Verdammt, ich bin der letzte Raucher, und ich wollte gar nie darüber reden, sondern wie früher nur ein bisschen saugen und ziehen und gesellig sein, Sie wissen schon, ganz nebenbei, es ist die natürlichste Sache der Welt, «sich eine jämmerlich zermatschte tote Pflanze in den Mund zu stecken und zu denken, man sei cool» (Frank Stebbing), ja, es ist cool, manchmal, weil es tröstet und wenigstens irgendetwas anstellt mit der Zeit, es ist wie etwas erledigen, ohne etwas zu erledigen, und es öffnet, wenn rundherum alles zu geht.
Ich bin der letzte Raucher, fragen Sie Frau Braunauge, was Aschenbecher ausschlecken in der jahrelangen Praxis bedeutet, und dann können Sie mir ja wieder mal einen Lungenarzt an die Seite stellen, wie damals, beim kriminell verrauchten Jack-Stoiker-Konzert in der Frohegg, und dieser Arzt schickt mir tags darauf einen Film der englischen Raucherprävention, in dem einer seine Lunge aushustet, worauf die davon hüpft und er hinterher rennen soll (Get Your Lungs Back), todlustige Sache, wirklich, ich halte das Filmchen genauso in Ehren wie die Postkarte mit dem abgehackten, aber immer noch fröhlich rauchenden Kopf des zynischen Doktors von «Re-Animator» (ein Must-have-Klassiker, liebe Splatterfreunde), auf die ein Witzbold die Regierungsbotschaft vom Rauchen, das seriously Ihre Gesundheit schädigt, geschrieben hat. Raucher haben einfach mehr Humor, wohl haben sie begriffen, dass das Leben endlich ist, und Raucher sind aber sicher die sozialeren Menschen, oder wann haben Sie in einem Nichtraucherabteil einmal einen Menschen getroffen, der nicht stinkt und mit dem Sie reden konnten? Beim Staubsaugen mit 87 noch Luft zu kriegen kann doch kein Lebensziel sein, oder? Und, kein Lug, es gibt nichts Schlimmeres als das trockene Gehüstel eines Nichtrauchers, dieses jämmerliche So-tun-alsob, gegen das nicht mal im Kloster Grimmenstein zu Walzenhausen ein Sirup gebraut wird.
Ich bin der letzte Raucher, und natürlich freue ich mich jedes Mal über den alten Bekannten, der mit zwanzig Prozent verbliebener Restlunge beim Hallenfussball noch immer ins Tor steht, auch wenn ihm mittlerweile gar die Puste fehlt, um den Teamkollegen zuzurufen bei Passabgabe. Aber das Auge, das Auge hat er noch. Der Fünftellungenwiderborst ist in einer Truppe, die ständig gesünder lebt, mit Abstand der interessanteste und verlebteste Mensch, aber das vermuteten Sie schon. Entschuldigen Sie die Atemlosigkeit, erlauben Sie mir einen Ventolin-Stoss, ich habe am Morgen auch brav Oxis und Pulmicort inhaliert, des Asthmas wegen, viele Asthmatiker rauchen, jetzt spielen Sie nur nicht die Super-Entrüstete.
Und ich komme jetzt grad zum Schluss, nur lassen Sie mich noch sagen, noch ein Ventolin-Stoss, dass es nicht besser wird auf der Welt und in diesem Land sowieso nicht, wenn es keine Raucher mehr gibt, im Gegenteil sieht es zur Zeit schwer danach aus, dass es entweder eine rauchende Öffentlichkeit gibt oder gar keine mehr, und dass die Leute, die einen Stummel auf der Strasse ein Problem nennen, auch jene Leute sind, die überhaupt jedes Leben, das nicht Shoppen oder Eventhopsen bedeutet, von der Strasse haben wollen. Aber ich sag das gewiss mit dem angeräucherten Furor des letzten Rauchers, der bald in Rauch aufgehen wird. Was Ihnen recht sein wird, nur könnten Sie Ihre Nichtraucherenergie besser darauf verwenden, einen positiven Nutzen aus den letzten Rauchern zu ziehen, grad hier in der Ostrandzone würde eine aggressive Proraucherstrategie mit cleveren Reservaten und sonstigen Einrichtungen doch weitherum Aufmerksamkeit erregen, also macht aus dem Kinok (alternatives Kino in St. Gallen, Anm. des Bloggers) doch das einzige Raucherkino im Land und aus dem Kornhaus in der verlorenen Siedlung am grossen Pfahlbauersee, wo die Schlote schon lange nicht mehr schloten, doch, wenn Ihr schon keine Idee habt: ein Aschenbechermuseum.
Und jetzt, ich wiederhole mich, lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte nie mehr mit jemandem übers Rauchen oder Nichtrauchen reden, als ob es keine andern Probleme gäbe, Halliburton und Gasprom zum Beispiel oder Ihr Nachbar im Offroader oder in der Esvaupee. Ich schätze mal, Peter Hein ist immer noch einer von uns, wenn ich mit ihm im letzten Schnauf sage: Den Rest des Himmels könnt Ihr behalten, aber das Hier und Jetzt, das behalte ich. Piff-paff-puff, ich bin der letzte Raucher, und ich bin duss, denn bald tschutten wir wieder draussen, und ich bin einfach ein zu schlechter Goalie. Ich gehe jetzt auf den Balkon und ziehe noch einmal an der letzten Selbstgedrehten (Natural American Spirit). Und dann höre ich auf. All that lives must die. Charles Pfahlbauer jr.
3 Responses to Der letzte Raucher – All that lives must die
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Sehr schön zum lesen! Ich bin Nichtraucherin und sehe in diesem Text doch sehr viel Richtiges. Ich bin eine Freiheitslieberin und sehe durch diese Verbote keine bessere Welt, sondern nur eine weitere Entmündigung des Volkes. Die kleinen Dinge zu verbieten ist eben einfacher als die Grossen Dinge anzupacken.
So geil!
Wunderbar!
Danke.