Goldman Sachs und die Mafia
Letzten Sommer erschien im Rolling Stone ein längerer Artikel über die US-Investmentbank Goldman Sachs. Der Autor Matt Taibbi beschrieb die Bank so: «Die mächtigste Investmentbank der Welt ist eine vielarmige, Blut saugende Krake, die sich um die Menschheit schlingt und ihre Fangarme unerbittlich in alles rammt, was nach Geld riecht.» Das sorgte für Aufregung. Der Artikel war ein 60000-Zeichen langer Wutausbruch, in dem Taibbi auf alles einprügelte, was auch nur nach Wallstreet roch. Er beschrieb die Rolle der Goldmänner in den fünf letzten grossen Krisen des 20. Jahrhunderts. Das klang für viele nach Verschwörungstheorie und Taibbi musste als unerfahrener Wirtschaftsjournalist (eigentlich ist er «political correspondent») jede Menge Kritik über sich ergehen lassen.
Nun hat Taibbi etwas Aufwind bekommen, seit die US-Börsenaufsicht SEC die Investmentbank Goldman Sachs letzten Freitag angeklagt hat. Es geht um ein ziemlich absurdes Betrugsschema mit CDOs und CDS und anderen Abkürzungen, das aber offensichtlich nicht unbedingt illegal war. Ich will hier gar niemanden mit diesen Abkürzungen belästigen, aber du musst dir das ungefähr so vorstellen:
Der FC Barcelona spielt gegen den FC Aarau und Goldman Sachs nimmt Wetten auf dieses Fussballspiel an. Klar empfiehlt dir Goldman auf den FC Barcelona zu setzen, die Quoten sind erstaunlicherweise auch nicht schlecht. Todsichere Sache, sagt dir der Buchmacher von Goldman. Was du aber nicht weisst: Goldman Sachs hat einen Deal mit dem Hedgefonds Paulson & Co. – und beide setzen gegen dich, sie wetten auf den FC Aarau. Was du auch nicht weisst: Goldman macht die Aufstellung der beiden Mannschaften. Und der Hedgefonds Paulson & Co. hat ein wichtiges Wörtchen mitzureden. Beim FC Barcelona spielen dann nicht Messi, Xavi, Puyol und Henri, sondern irgendwelche Gurken aus der 5. Liga. Das Resultat ist klar: Der FC Barcelona verliert haushoch – und du deinen Einsatz.
Bist du jetzt einfach dumm, weil du Goldman Sachs vertraut hast? Oder wurdest du betrogen? Robert Khuzami, der früher als FBI-Mann über 100 New Yorker Mafiosi einbuchtete und heute für die SEC Goldman Sachs verklagt, glaubt, dass es Betrug ist.
Wir werden sehen, wieviel Erfolg er mit seiner Klage hat. Goldman Sachs streitet jedenfalls alles ab. Gestern hat die Investmentbank ein «glänzendes Quartalsergebnis» (NZZ) präsentiert und verdoppelte den Gewinn im Vergleich zum Vorjahr auf 3,46 Milliarden Dollar.
PS: Zu Taibbis Blog gehts hier.
PPS: Der Artikel von Matt Taibbi erschien letzten Sommer ungekürzt und auf Deutsch in der WOZ. Leider waren aber keine Onlinerechte dafür erhältlich, darum hier nur ein Verweis auf den Originalartikel. Einen Ausschnitt davon (auf Deutsch) gibts, wenn du auf Weiterlesen klickst.
Blase #3 – Die Immobilienwahn
Von Matt Taibbi
Goldmans Rolle bei der globalen Hypothekenkrise ist nicht schwer nachzuvollziehen. Ihr liegt wieder derselbe Trick zugrunde: laxe Risikoprüfung, dieses Mal nicht bei Börsengängen, sondern bei Hypothekenabschlüssen. Man weiss heute, dass Makler bei Hauskäufen während Jahrzehnten auf eine Kreditanzahlung von mindestens zehn Prozent bestanden. Zudem mussten die Käufer ein regelmässiges Einkommen und eine ausreichende Bonität nachweisen – ganz zu schweigen davon, dass sie ihre richtigen Vor- und Nachnamen angeben mussten. Als das neue Jahrtausend dämmerte, wurde all dieser Kram über Bord geworfen und Hypotheken auf der Rückseite von Papierservietten vergeben, an jede Servierdüse oder jeden Ex-Knacki mit kaum mehr in der Tasche als einem Fünfer und einem Snickers-Riegel.
Dies wäre undenkbar gewesen ohne Investmentbanken wie Goldman, die diese Ramschhypotheken zu handelbaren Finanzinstrumenten bündelten und diese dann en masse an arglose Versicherungen und Pensionskassen vertickten. So entstand ein historisch einmaliger Massenmarkt für faule Kredite. Früher hätte keine Bank die Hypothek eines dahergelaufenen, drogensüchtigen Ex-Knackis in ihren Büchern geduldet, im Wissen darum, dass er sie wohl nicht zurückzahlen würde. In anderen Worten: Man hätte diese Hypotheken nie und nimmer verkaufen können, hätte es nicht all die ahnungslosen Abnehmer dafür gegeben.
Goldman wandte zwei Methoden an, um die Schweinereien zu verstecken, die sie da verhökerte. Erst schnürten sie hunderte von verschiedenen Immobiliendarlehen zu Derivaten zusammen, den so genannten Collateralized Debt Obligations (CDO). Dann machten sie den Anlegern weis, dass sie sich dank der gesunden Hypotheken nicht um den Schrott zu sorgen brauchten, in ihrer Gesamtheit seien die CDOs völlig okay. So wurden Ramschkredite zu erstklassigen Anlagen, versehen mit dem Höchstrating AAA. Um auf Nummer Sicher zu gehen, liess Goldman die CDOs durch Kreditversicherer wie AIG decken – mit Credit Default Swaps, handelbaren Kreditausfallversicherungen. Die CDS waren eigentliche Rennplatzwetten zwischen AIG und Goldman: AIG wettete, dass der Ex-Knacki seine Schuld abzahlen wird, Goldman wettete dagegen.
Es gab einfach ein Problem mit den Deals: All die Kungelei verkörperte genau jene Art gefährlicher Spekulationen, die staatliche Regulatoren eigentlich im Zaum halten sollten. Derivate wie CDOs und CDS hatten schon in der Vergangenheit verschiedene Finanzkatastrophen verursacht: Procter & Gamble und Gibson Greetings verloren Unsummen und der Bundesstaat Kalifornien ging 1994 Pleite. Ein Bericht der unabhängigen Untersuchungsbehörde GAO aus demselben Jahr empfahl, solche Finanzinstrumente streng zu regulieren – dem stimmte 1998 Brooksley Born, die Vorsitzende der Prüfungsbehörde für Termingeschäfte (CFTC), zu. Im Mai verschickte sie einen Brief an verschiedene Wirtschaftskapitäne und die Clinton-Regierung, in dem sie forderte, die Banken seien zu grösserer Transparenz hinsichtlich ihres Derivatehandels sowie zu mehr Eigenkapital zu verpflichten.
Goldman stand der Sinn nicht wirklich nach mehr Regulierung. «Die Banken drehten durch – man wollte das sofort stoppen», erinnert sich Michael Greenberger, der unter Born damals in leitender Position bei der CFTC arbeitete und heute als Rechtsprofessor an der University of Maryland lehrt. «Greenspan, Summer, Rubin und Arthur Levitt, der Chef der Aufsichtsbehörde für Wertschriftenhandel SEC, wollten den Regulierungsbestrebungen ein sofortiges Ende setzten.»
Clintons unfehlbares Wirtschaftsquartett – besonders Rubin, so Greenberger – lud Born vor und vertraten ihre Sicht der Dinge. Als Born sich weigerte, nachzugeben und ihre Bemühungen, den Derivatehandel zu regulieren, sogar noch verstärkte, wurde sie im Juni von Rubin öffentlich angegriffen: Rubin empfahl dem Kongress der CFTC ihre Regulierungsgewalt zu streichen. Am letzten Sessionstag verabschiedete der Kongress 2000 den inzwischen berüchtigten «Commodity Futures Modernization Act», der in letzter Sekunde einem 11’000-seitigen Ausgabengesetz beigefügt wurde – fast diskussionslos. Nun konnten die Banken ungestraft mit CDS handeln.
Aber damit nicht genug. AIG, führend in der Herausgabe von CDS, wurde 2000 beim New Yorker Departement für Versicherungen vorstellig und wollte wissen, ob CDS allenfalls als Versicherungen behandelt werden könnten. Zu jener Zeit leitete der frühere Goldman-Vize Neil Levin das Department, und dieser entschied sich gegen eine Regulierung der CDS. Nun, da Goldman beliebig viele Immobilienpapiere zeichnen und Kreditversicherungen abschliessen konnte, lief die Bank in ihrer Verleihlust Amok. Auf dem Höhepunkt des Immobilienbooms 2006 gab Goldman Hypothekenpapiere in der Höhe von 76,5 Milliarden aus – zu einem Drittel Subprime –verbriefte sie und verscherbelte einen Löwenanteil an institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Versicherungen. Und diese Immobilienpapiere waren ein riesiger Sumpf aus Scheisse.
Man nehme beispielsweise eine 464 Dollar-Anleihe aus jenem Jahr, den «GSAMP Trust 2006S3». Viele dieser Hypotheken gehörten Leuten, die bereits einen Anschlusskredit abgeschlossen und durchschnittlich gerade mal 0,71 Prozent Eigenkapital in ihren Häusern hatten. Darüber hinaus gab es für 58 Prozent dieser Darlehen kaum Angaben – weder Namen noch Wohnadressen, nur Postleitzahlen. Dennoch adelten beide grossen Rating Agenturen, Moody’s und Standard & Poor’s, 93 Prozent dieser Anleihen mit der Einstufung «Investment Grade». Gemäss Moody’s waren weniger als zehn Prozent der Darlehen faul. Tatsächlich waren aber nach achtzehn Monaten über achtzehn Prozent der Schuldner zahlungsunfähig.
Nicht dass Goldman selbst gefährdet gewesen wäre. Die Bank mag all diese scheusslichen, total verantwortungslosen Hypotheken von kriminellen Kredithaien wie Countrywide gezeichnet und sie Gemeinden und Rentnern – alten Leuten, um Gottes willen! – weiterverkauft haben, immer unter Vorspiegelung, dass es sich hierbei keineswegs um viertklassige Pferdekacke handle. Doch während sie dies tat, spekulierte die Bank gleichzeitig mit kurzfristigen Anleihen im gleichen Markt. Das heisst: Sie wettete gegen jenen Dreck, den sie selbst verkaufte. Schlimmer noch: Goldman brüstete sich öffentlich damit. «Das Umfeld im Hypotheken-Sektor bleibt schwierig», prahlte 2007 der Finanzchef der Bank, David Vinair. «Deshalb haben wir bei unseren langfristigen Positionen signifikante Wertkorrekturen vorgenommen.» Anders ausgedrückt: Die Hypotheken, die Goldman anbot, waren nur fürs gemeine Fussvolk. Richtig viel Geld steckte in den Wetten gegen diese Hypotheken.
«So dreist sind diese Arschlöcher», bemerkt ein Hedgfund-Manager. «Bei anderen Banken konnte man zumindest sagen, dass sie einfach blöd waren – sie vertrauten den Produkten, die sie verkauften und gingen hops. Aber Goldman wusste, was sie tat.» Ich fragte den Manager wie es denn sein könne, dass man etwas an Kunden verkauft, wogegen man selbst wettet – vor allem wenn man mehr über die Schwächen dieser Produkte weiss als die Kunden. Ist das nicht Aktienbetrug? «Doch, genau das ist Aktienbetrug», antwortete er. «Es ist das Herz des Aktienbetrugs.»
Das sahen schliesslich viele geschädigte Investoren auch so. Nachdem die Immobilienblase geplatzt war, wurde Goldman – Deéà-Vu! – von einer Klagewelle überrollt. Viele Kläger bezichtigten die Bank, entscheidende Informationen zur Qualität der Hypotheken zurückgehalten zu haben. Regulatoren des Staates New York verklagten Goldman und 25 weitere Emissionsbanken für den Verkauf von faulen Countrywide-Hypotheken an die Stadt und die Pensionskassen des Bundesstaates New York, die durch die Investitionen mehr als 100 Millionen in den Sand setzten. Auch der Staat Massachusetts ermittelte im Namen von 714 Hypothekennehmern, die mit ruinösen Darlehen dastanden, wegen ähnlicher Vergehen gegen Goldmann. Aber wieder kam Goldman praktisch ungeschoren davon, sie entging der Strafverfolgung durch die Zahlung von läppischen 60 Millionen Dollar – in etwa das, was die CDO-Abteilung der Bank während des Immobilienbooms in eineinhalb Tagen eingestrichen hatte.
Die Folgen der Immobilienblase sind bestens bekannt – sie führte mehr oder weniger direkt zum Kollaps von Bear Sterns, Lehman Brothers und AIG, deren toxisches CDS-Portfolio in bedeutendem Ausmass aus Kreditausfallversicherungen bestand, mit denen sich Banken wie Goldman gegen ihre eigenen Immobilienportfolios absicherten. Genauer gesagt flossen mindestens dreizehn Milliarden Steuergelder aus dem staatlichen AIG-Rettungspaket sofort an Goldman ab, was heisst, dass die Bank an der Immobilienblase gleich doppelt verdiente: Sie verarschte erst ihre Kunden, die ihre faulen CDOs kauften, indem sie gegen ihre eigenen Schrottprodukte wettete. Und dann verarschte die Bank auch noch die Steuerzahler, die letztlich für ebendiese Wetten hafteten.
Während die Welt rundherum zusammenbrach, sorgte Goldman dafür, dass es der Bank in Gehaltsfragen bestens ging. 2006 schwoll die Lohnsumme auf 16,5 Milliarden an, was einem Schnitt von 622000 Dollar pro Kopf entspricht. Durch ihren Sprecher liess die Bank verlauten: «Wir arbeiten sehr hart.»
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Zum Vergleich Hypotheken-Verbriefung / Fussballwetten.
Es liegt ja wohl in der Natur einer jeden Wette, dass ein Interessenskonflikt zwischen Wettanbieter und Wettnachfrager besteht. Die Investoren müssen sich bewusst gewesen sein, dass erstens Goldman Sachs (GS) für die Zusammenstellung dieser CDO verantwortlich ist und zweitens GS vor allem dann profitiert, wenn der Wert dieser CDO abnimmt.
Ok, heisst das nun, dass GS/Paulson anstelle von suprime (welches nb ja eben nicht prime ->1.Mannschaft von Barcelona entspricht, sondern vielleicht der 2.Mannschaft) einfach irgendwelchen Ramsch (Gurken..) in diese CDO verpacken kann?
Nein, den schliesslich wurde diese CDO ja auch von externen Ratingagenturen bewertet und hätte z.B. kein BBB erhalten, wenn nur Junk in der CDO gewesen wäre. Folglich sollte es für den Investor keine Rolle spielen, wer genau diese CDO zusammenstellt (die Aufstellung für Barcelona macht), solange das Rating (die Wettquote) korrekt war.
Ob dieses Rating dann wirklich korrekt war ist eine andere Sache, für welche in erster Linie nicht GS verantwortlich ist.
Okay, vielleicht ist der Vergleich nicht der beste. Worum es mir geht: Man hat den Investoren – so zumindest der Vorwurf – weis gemacht, dass diese 2. Mannschaft (subprime) eben so gut wie der FC Barcelona sei. Und GS hat irgendwelchen Ramsch verpackt. Natürlich haben die Ratingagenturen da mitgespielt. Nur: Wenn du zu einem Wettanbieter gehst, dann gehst du davon aus, dass der gleich viel weiss und gleich wenig Einfluss auf das Spiel hat wie du. GS aber stand dem FC Barcelona, wenn du so willst, vor und machte die Aufstellung. Wenn der Buchmacher also die Aufstellung bestimmen kann (und einen Deal mit der asiatischen Wettmafia hat) und gegen mich wettet, wie nennst du das dann?