Der Tages-Anzeiger hat am Donnerstag jeden Zweifel ausgeräumt: In der Sicherheitsfirma Delta Security AG arbeiten Leute, die in ihrer Freizeit – und, wenn man ihre Facebook-Einträge liest – auch im Beruf, gerne Hooligans wären. Nach dem Facebook-Beweis liegt nun der Video-Beweis vor. Delta bestreitet nicht, womöglich auch aus Angst, dass da jetzt noch mehr kommen mag. Die Liga ist verunsichert, spricht fleissig von Einzelfällen, wohl auch, weil sich das derzeit niemand so recht vorstellen will, was die jetzigen Enthüllungen zuerst vom Blick und nun vom Tages-Anzeiger bedeuten, wenn die Delta Security AG das nächste Mal für Sicherheit zuständig ist, wenn der FC Basel spielt.

Die Story ist nicht deshalb ein Skandal, weil hier ein Hooligan irgendeinen Job ausübt (auch Hools müssen bekanntlich arbeiten). Schau Dich etwa bei den Ultras um: Die Kurven sind voller Leute, die mitten unter uns sind: Krankenpfleger, Bauarbeiter, Journalisten, Sozialarbeiter, Arbeitslose, Dealer, Kleinkinderzieher, Rapper, Studenten und so weiter und so fort – bekanntlich das ganze gesellschaftliche Spektrum. Genauso verhält es sich bei den Hooligans. Muss es den Chef interessieren, was einer in seiner Freizeit macht? Nein. Die Delta-Story ist deshalb ein Skandal, weil hier ein ganz heftiger Interessenkonflikt vorliegt. Was würdest Du sagen, wenn der Typ, der Dich vor ein paar Tagen auf der Strasse zusammengeschlagen hat, am Fussballmatch für Deine «Sicherheit» sorgen soll? Ein beim jetzigen Erkenntnisstand absolut realistisches Szenario.

Der Erkenntnisstand ist so: Leute, die in einer Sicherheitsfirma (der Delta Security AG) dafür zuständig sind, für Sicherheit im Stadion zu sorgen, wollen in ihrer Freizeit Hooligans sein. Es ist, als wäre der Hooligan-Fahnder Hooligan. Verhielten sich nun die Basler Fans wirklich derart schlimm, als es kürzlich in St. Gallen knallte, wie es Thomas Hansjakob, St.Gallens Erster Staatsanwalt, mir gegenüber im Interview sagte? Oder trugen die Deltas eben doch zur Eskalation bei, wie die Basler von Anfang an behauptet hatten, weil zumindest einer unter ihnen, wie er auf Facebook später schrieb, es nicht hatte erwarten können, «die Inzest-Buben vom Rhein richtig zu ficken»?

Wenn ein Hooligan einen Hooligan einer anderen Stadt «richtig ficken will», dann ist das die Sprache von Schlägern. Dann machen die das unter sich aus, und das ist dann halt das Hooligan-Ding, von dem die anderen Matchbesucher inzwischen meistens verschont bleiben. Aber wenn «richtig ficken» (in Bezug auf eine Schlägerei mit Verletzten) die Sprache jener ist, die im Stadion für Sicherheit sorgen sollen, und wenn diese Leute dann auch noch, wie der Tages-Anzeiger am Donnerstag, 8. April, nun belegt hat, in ihrer Freizeit als Hooligans unterwegs sind und dort Leuten in den Kopf treten (Tagi-Online hats auf Video), dann ist das skandalös. Ich bin kein Fan schneller Empörung, aber hier ist Empörung nötig.

Es sind die privaten Sicherheitsdienste, die immer mehr polizeiliche Kompetenzen fordern. Das hat mir persönlich schon immer ein ungutes Gefühl gegeben. Denn wenn Sicherheit zum Geschäft wird, dann wird es schnell sehr viele Leute geben, denen viel daran gelegen ist, dass wir nicht sicher sind, damit das Geschäft mit der Sicherheit ein Geschäft bleibt. Der jetzige Fall bestärkt mich in meiner Kritik in einem anderen Punkt: Wem bitte soll hier polizeiliche Kompetenz übertragen werden?

Hool ist Hool. Polizist ist Polizist. Das sind klare Positionen. Der eine lässt es krachen, der andere buchtet ihn dafür ein. So weit das «Spiel». Aber was ist mit Hooligans in Fussball-Sicherheitsdienst-Uniformen?

Als ich kürzlich Thomas Hansjakob interviewte, sagte er auch folgenden Satz, der beim jetzigen Kenntnisstand zumindest für den Laien bedenklich klingt: Für einen Strafbefehl in einem Schnellverfahren gegen Fans genüge ihm die Aussage eines Sicherheitsdienst-Mitarbeiters. Was mit Aussage gegen Aussage sei, fragte ich. Er glaube einer Security-Person mehr als einem Fan, sagte Hansjakob. Und da können einen die jetzigen Enthüllungen des Tages-Anzeigers (und zuvor des Blicks) in Angst und Schrecken versetzen. Hansjakobs Mail antwortet mir im Auto-Replay, dass er dieser Tage Out of Office ist. Ich werde ihn, sobald er zurück ist, umgehend fragen, ob er nach wie vor dieser Ansicht ist (und andere Stellen, ob er damit allein auf weiter Flur ist oder nicht).

An die Liga und die Stadionbetreiber richte ich offen folgende Frage: Wollen sie weiter (und wenn ja, zu welchen Bedingungen) einer Firma die Sicherheit in den Stadien übertragen, die für ein ordentliches personelles Auswahlverfahren offenbar nicht garantieren kann und in deren Reihen Schläger arbeiten, beziehungsweise arbeiteten (der Facebook-Mensch wurde am Mittwoch entlassen); eine Firma, deren Glaubwürdigkeit heftig beschädigt ist. Mit «Schläger» meine ich im übrigen nicht Securitys, die zupacken können oder keine Angst haben, hinzustehen, wenn es knallt, sondern solche, die geil darauf sind, Fussballfans «richtig zu ficken».

 

3 Responses to Der Skandal um die Schläger in den Reihen der Delta Security AG

  1. Anonymus sagt:

    In der Saison 08/09 hat sich übrigens folgendes zugetragen :
    Einige Cars mit FCZ Fans fuhren zum Auswärtsspiel nach Sion. Unterwegs machte man an der Raststätte Gruyere halt. Wie es der Zufall wollte machten auch Deltas dort Rast die ebenfalls im Car nach Sion unterwegs waren um zu “arbeiten”. Von den ca. 25 Deltas trugen ca. 8-10 Bauchtaschen mit dem Aufdruck “Hooligan”. Soviel dazu….

  2. Danke für diesen Artikel – das sind richtige und wichtige Fragen. Die Andeutung, man könne Eskalationen damit erklären – und dadurch entschuldigen, scheint mir jedoch etwas gefährlich. Provokationen entbinden niemanden von der Verantwortung für das eigene handeln (oder schlagen), Notwehr mal ausgenommen.

  3. din_Vater sagt:

    @ Philippe Wampfler
    Ja da haben sie recht, Provokationen entbinden niemanden von der eigenen Verantwortung, aber sie können strafmildernd sein, wie man ja im Fall Doumbia gesehen hat.