(dr.) Der Stadtkanton entdeckt den Rhein als Naherholungsgebiet und Standortvorteil. Mit Roche-Turm, Novartis Campus und Milliardeninvestitionen in S-Bahn und Wohnraum soll Basel Life-Sciences-Welthauptstadt werden. Sofern die Schrebergartenbesitzer im Osten mitspielen. Innenansicht einer globalen Vision mit lokalen Stolpersteinen.

Das ist der Lead zum 25000 Tonnen schweren Artikel über den Wirtschaftsstandort Basel, den ich für das Magazin des Sonntagsblick gehievt habe. Starring: Guy Morin, Pierre de Meuron, Thomas Kessler, Actelion & der Hafen. Für alle, die wenig darüber wissen, was in Basel eigentlich los ist in Sachen Wirtschaft, Stadtentwicklung, Aufwertung, Lokalpolitik. Und für alle anderen auch.

Die Krise der Weltwirtschaft macht auch vor dem Schweizer Wirtschaftswunder Basel nicht halt. Mit den richtigen Augen, kann man die Krise sogar sehen. Man braucht bloss 25 Meter hinaufzusteigen, in die Führerkabine des 700 Tonnen schweren Containerkrans vom Becken 2 des Hafens in Kleinhüningen. Der Blick von hier oben ist ein Blick auf Container-Terminal und Krisenstand. Denn die Container fehlen zuhauf und hinterlassen Löcher. Die Auslastung ist schlecht: 1900 hätten Platz, 1400 sind es. Für die Arbeiter in diesem Teil des Hafens, dem Herzen der Logistik- Hauptstadt der Schweiz, bedeuten die Löcher Kurzarbeit statt Nachtschicht.

Aber weil Basel die Stadt ist, deren Wirtschaft in den letzten zehn Jahren am meisten gewachsen ist, deren Minuswachstum seit 2008 in Zeiten der Krise am geringsten war und der jetzt als erste für 2010 wieder ein Wachstum vorausgesagt wird, bleibt Daniel Kaufmann ziemlich gelassen. Kaufmann ist Geschäftsführer der MultiTerminal AG, die zur Rhenus-Gruppe gehört. Der Chef über 30 Kurzarbeiter sagt: «Ich arbeite seit 25 Jahren in der Spedition am Hafen. In dieser Zeit habe ich etwas gelernt: Am Hafen kommen und gehen die Krisen, so wie der Wasserstand des Rheins zunimmt und abnimmt.»

Bloss einen Katzensprung entfernt kann man noch weiter hinaufsteigen: 53 Meter hoch ist der Bernoulli-Turm, das Getreidesilo im Hafenbecken 1. Der Wind pfeift, der Regen peitscht, doch von hier oben kann der Betrachter etwas anderes sehen, als die lokalen Auswirkungen der globalen Krise. Er sieht den Boom am Dreiländereck. Er sieht, wie Bagger am anderen Rheinufer die maroden Mauern des kürzlich stillgelegten Hafens St. Johann niederreissen und Krane die modernen Fassaden des Novartis Campus hochziehen. 10 000 werden hier arbeiten, forschen, entwickeln, vermarkten, sich vernetzen. Es ist der Boom der krisensicheren Life-Sciences-Industrie, der Forschungsregion, der  definitiven Abkehr von der Chemie hin zu den Medikamenten, zur Forschungsstadt. Und das ist der Grund, warum dem Reporter fast pausenlos Euphorie entgegenschlägt: Geschäftige Pressesprecher, schwärmende Lokalpolitiker, Arbeiter, die hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, Wirtschaftslobbyisten mit pausenlos fiependen iPhones, vom Standort schwärmende CEOs, die alle eine Botschaft haben: Basel boomt. Und die Stadt ist viel zu wichtig, um an der Peripherie hinter dem Jura ein etwas verschrobenes Einzelkämpferdasein zu fristen.

Basel ist mit über 900 hier angesiedelten Life-Sciences-Firmen nicht bloss Pharma-, sondern auch Forschungs- und, durch Aktiengelder der grossen Pharmafamilien in Form von Mäzenatentum finanziert, Kulturmetropole. Hier werden ein Drittel aller Schweizer Exporte produziert und trotzdem, trotz aller Euphorie, ist immer ein Gefühl präsent: Dass der Rest der Schweiz die Basler nicht so recht versteht und die Basler den Rest eigentlich auch nicht. Und das ist, wenn man als Besucher von der Wucht des Hafens, der Industrie, der Dichte der Museen und der Multikulturalität Kleinbasels erschlagen ist, absolut unverständlich. Aber womöglich ist das eine dieser Geschichten, die sich, wie es der Basler Regierungspräsident Guy Morin sagt, «vor allem in den Köpfen abspielt». Die Geschichte eines flächenmässig kleinen Kantons, von Grenzen durchzogen, Deutschland und Frankreich so nahe wie dem Land, zu dem es gehört.

Basel-Stadt ist ein Halbkanton, Amputation: 1833. Die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft haben in Bern eigentlich dieselben übergeordneten Ziele, aber die linke Stadt und das rechte Land haben Berührungsängste. So fehlt es in Bern oft an Schlagkraft, obwohl daheim 120 bilaterale Staatsverträge das Zusammenleben regeln. Der Raum der Stadt ist seit der Abspaltung des Landes stark begrenzt. Das Fussballstadion St. Jakob, das wie ein blau-rotes Luftkissenboot stolz in die Nacht hinausleuchtet, liegt zwar noch auf der Seite der Stadt, die Sport- und Konzerthalle St. Jakob auf der anderen Strassenseite, gehört aber bereits zum Kanton Basel-Landschaft. Basel hat die Pharma, die der Region und dem Rest der Schweiz Reichtum beschert, und auch einen Landesflughafen, der auf fremden Territorium liegt, in Frankreich. Und deshalb hat er keinen S-Bahn-Anschluss und niemand weiss so recht, ob hier eigentlich die französische oder die schweizerische Mehrwertsteuer anwendbar ist und wessen Arbeitsrecht.

Der obere Mittelstand, der in Zürich im Kreis 7 wohnt und an der Goldküste, der wohnt in Basel oftmals ausserhalb des Kantons: Es ist, als würde in Zürich die Kantonsgrenze zwischen Kreis 6 und Kreis 7 verlaufen und die Landesgrenze am Bellevue. Elsass und Lörrach sind nicht nur geografisch, sondern auch in den Köpfen so nahe wie die übrige Schweiz. Und will Basel etwa eine S-Bahn, die endlich zum Flughafen führt, dann ist das nicht bloss eine Sache zwischen dem Kanton Basel-Stadt und dem Bund, dann ist das Sache des Bundes, von zwei Kantonen und je nach Streckenführung von Frankreich und des Landes Baden-Württemberg. Und dann wird alles ganz schnell ziemlich kompliziert.

«Wir sind ein Teil der Schweiz und das ist gut für uns und gut für die Schweiz», sagt Guy Morin, während er sich in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf den Marktplatz zurücklehnt. «Die Pharma-Branche ist neben dem Bankenplatz Zürich ein Standbein unseres Wohlstands. Und unsere Logistik mit Panalpina, Rhenus, macht ebenfalls Milliardenumsätze.» Dann verdreht Morin charmant die Augen und sagt schmunzelnd: «Was den Bahnanschluss für den Flughafen betrifft, so ist die Finanzierung fast geregelt. Die Deutschen ziehen mit, und wenn die Regionalwahlen in Frankreich keine grosse Überraschung bringen, dann ziehen auch die Franzosen mit. Dann können wir 2014 bauen.»

«Die Grenzen dieser Dreiländerstadt sind historisch bedingt und werden der heutigen Struktur nicht mehr gerecht.» Das sagt Stararchitekt und Stadtplaner Pierre de Meuron, der zusammen mit seinem Geschäftspartner Jacques Herzog im Kleinbasel aufgewachsen ist und der von einer «trinationalen Agglomeration» redet, wenn er von Basel spricht. De Meuron entwirft im Nebenamt für die Handelskammer beider Basel städtebauliche Visionen. Und heute gelte es, den Standort, «den Land-Gateway der Schweiz», gegenüber den anderen beiden Life-Sciences-Metropolen Shanghai und Boston fit zu  machen: Förderung der Universität, bessere Infrastruktur im Regionalen und Nationalen, optimale Rahmenbedingungen für Life-Sciences, mehr Wohnraum.

De Meuron sitzt in seinem Büro, einer alten Villa beim st. Johannspark direkt am Rhein. Die Villa ist eines von acht Gebäuden der ehemaligen Elmex-Fabrik, die heute das Hauptquartier von Herzog & de Meuron bilden. Als sie hier 1985 in der Villa anfingen, waren sie 14 Leute. Heute arbeiten in acht Gebäuden 340 Personen aus 40 Nationen an weltweit 45 Projekten. Um zu beantworten, ob die Stadt bereit sei für die Herausforderungen der Zukunft, müsse man zuerst den Raum richtig begreifen: «Basel besteht nicht einfach aus dem Stadtgebiet, es besteht auch aus Baselland», sagt der Architekt. «Und die Stadt hat vor allem auch einen deutschen und einen französischen Teil. Der Metropolitanraum dehnt sich auf drei Staaten aus, auf zwei Kantone, oder fünf gar, ein Teil Aargau, ein Teil Solothurn und ein bisschen Jura gehören eigentlich auch dazu. Die grosse Herausforderung ist, all diese Grenzen zu überwinden und aus diesen Fragmenten  einen Raum zu bilden.» Die Räume seien zusammengewachsen, St-Louis und Basel, Lörrach und Riehen, Weil und Kleinhüningen, «es gibt keine Leeräume dazwischen, es ist eine durchgehende Besiedlung». In der Zeit von Personenfreizügigkeit und Schengen-Dublin heisse das: «50 000 Grenz gänger täglich. Es herrscht ein reger Austausch, Franzosen arbeiten in der Schweiz, wir  kaufen den Käse bei ihnen, das Fleisch in Deutschland. Diese Region ist ein Organismus mit unterschiedlichen politischen  Untereinheiten.» Basel sei ein Experiment, ein Sonderfall im Sonderfall Schweiz.

Als Erstes müsse dieser Sonderfall physisch besser vernetzt werden: «Wir brauchen dringend einen Ausbau unserer S-Bahn, und zwar nicht bloss einen Flughafen-Anschluss», sagt Pierre de Meuron. Der Architekt macht zwei Zeichnungen. Die eine zeigt einen Stern, der neuralgische Punkte miteinander verbindet. Die andere zeigt einen Kreis ohne Verbindung ins Zentrum. «Der Stern ist die Zürcher S-Bahn, der Kreis jene in Basel. Wir müssen mit Zürich gleichziehen.» Der Mann, der das möglich machen soll, heisst Thomas Kessler. Es ist nicht die erste heikle Aufgabe, die der ehemalige Zürcher Kantonsrat der Grünen in der Stadt am Rheinknie in die Hand nimmt.

Heute strahlt Basel, brummt und boomt: Die Abkehr von der klassischen Chemie hin zu Life-Sciences, den Medikamenten, der Forschung, dem Wissen in der Stadt mit der grossen humanistischen Tradition, der Boom neuer Life-Sciences-Firmen nach der Gründung von Novartis 1996, lässt den Himmel über Basel blauer strahlen. Allein der Umstand, dass Pierre de Meuron demnächst von der Gemeinde Riehen ins Kleinbasel zieht, dass die Leute grundsätzlich in die Stadt zurückkehren, ist erstaunlich, denn es ist noch nicht lange her, da galt Kleinbasel als Hort von Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel. Kein Raum für Stararchitekten, eher für Zuhälter. Schwere Verbrechen geschahen. Drei Gewerbler entführten eine russische Tänzerin und vergewaltigten sie tagelang. Schlagzeilen wie diese sorgten dafür, dass die Leute ins Umland zogen. Statistiken zeichneten in den Neunzigern apokalyptische Szenarien: Kleinbasel würde aussterben, der Kanton Basel-Stadt von gerade noch 185 000 Einwohnern in den nächsten Jahren auf 160 000 schrumpfen. Dann passierte etwas. Eigentlich ist Thomas Kessler passiert. Er wurde mit der Aufgabe betraut, Kleinbasel als Integrationsbeauftragter «strukturell aufzuwerten». Zuvor hatte er in der Limmatstadt als Politiker und Drogenforscher 1991 das heute gängige «Vier-Säulen-Modell» entworfen, welches unter anderem die Abgabe von Heroin und Methadon vorsieht.

Zürich war das zu fortschrittlich. Der Kantonsarzt hätte die Süchtigen am liebsten alle persönlich eingesperrt. Also präsentierte Kessler sein Modell auch in Basel. Der Justizminister war begeistert. Kessler wurde Basler Drogenbeauftragter, die Heroinabgabe vom Stimmvolk 1994 mit 70 Prozent angenommen. 1998 wurde er Integrationsbeauftragter und Leiter der Aufwertungs-Taskforce.

Innerhalb weniger Jahre machte er die Claramatte vom offenen Drogenumschlagplatz zum Wohnparadies für junge Familien. Und wenn Kessler davon redet, klingt der liberale Geist wie eine sanftere Version des ehemaligen New Yorker Nulltoleranz-Bürgermeisters Rudolph Giuliani: «Kleinbasel war zum Austragungsort eines gesellschaftlichen Prob lems geworden, zum Symbol einer stagnierenden Stadt. Aufwertung beginnt immer mit Kosmetik: Sauberkeit. Unordnung steht am Anfang jeder Abstiegskette. Die strukturelle Antwort war: bessere Infrastruktur, Sauberkeit, Grünraumpflege, Bildungsgarantie – flächendeckend. Der Anteil an Schweizern, Deutschen, Engländern, Amerikanern nimmt heute zu, der Anteil an Türken, Serben, Albanern nimmt ab. Von den Nationen her ist das ein klarer Hinweis auf eine sozioökonomische Steigerung.»

Fakt ist: Die wirtschaftliche Potenz der Stadtbevölkerung nimmt seit Jahren zu. Auch bei den Zuwanderern. Türkische Informatikcracks zahlen Mittelstandssteuern. Das Einkommen der Migranten mit Jahresaufenthaltsbewilligung B hat sich in Basel in den letzten fünfzehn Jahren verzehnfacht. Und die Basler werden immer mehr: 2009 hat der Stadtkanton die Marke von 190 000 Einwohnern geknackt. Die 160 000-Szenarien sind ein Schatten von vorgestern, heute reden die Städter davon, dass hier in zwanzig Jahren 200 000 Menschen leben werden.

Und dazu braucht es Wohnraum. Und eine neue S-Bahn. Und Thomas Kessler steht nun vor einer neuen Aufgabe, seiner grössten bisher. Seit einem Jahr ist er Leiter der Stadtentwicklung. Und in dieser Funktion soll er Basel als Life-Sciences-Welthauptstadt etablieren. Sein Departement nennt er deshalb schon einmal «Think Tank». Und obwohl er in seiner neuen Funktion pausenlos im Land herumreist, um vor Business-Clubs von Winterthur bis Aarau, vor Behörden und in der TV-«Arena» das «Wunder Basel» zu preisen und zu erklären, warum ein boomendes Basel wichtig ist für den Wohlstand des ganzen Landes, sieht Kessler aus, als käme er gerade vom Wandern.

Dabei ist sein neues Dossier, wie schon die Drogen, wie schon die Integration, eines voller politischer Tretminen, weil globalen Visionen oft ganz lokale Probleme im Weg stehen. Zum Beispiel Schrebergärten. Die stehen in Basel beim Rankhof. Ihr Standort direkt am Rhein gilt inzwischen, 24 Jahre nach dem Chemieunfall von Schweizerhalle, «dem Tag, an dem der Rhein starb», als beste Wohnlage. «Basel muss sich an solchen Lagen entwickeln können», sagt etwa  Regierungspräsident Guy Morin. Thomas  Staehelin, Präsident der Handelskammer beider Basel, sagt: «Es macht ökologisch Sinn, dass die Leute zurück ins Zentrum kommen, dass die Zersiedelung der Landschaft aufhört, wir müssen die Chance haben, zu wachsen, wir müssen die Chance haben, uns zu entwickeln.» Und Pierre de Meuron ist überzeugt, «dass die hohe Lebensqualität von Zürich und Genf mit dem Wasser zu tun hat, dass wir Basler dem Rhein zu lange den Rücken zugedreht haben und ihn jetzt erobern müssen». Denn eines sei klar: «Wollen wir im internationalen Standortwettbewerb attraktiv sein, brauchen wir diese Wohnlagen. Wir haben ein grosses Defizit an Topwohnlagen.»

Schlechte Neuigkeiten also für die Schrebergartenbesitzer. Deshalb haben sie Unterschriften gesammelt und eine Initiative eingereicht, über die noch dieses Jahr abgestimmt werden soll. Sie fordert ein Schrebergarten-Moratorium. Das ist ein Problem. Ein anderes Problem ist, dass Thomas Kessler ganz dringend vier Milliarden Franken braucht. Und zwar einerseits für die S-Bahn. Die kostet, Flughafenanschluss eingerechnet, rund zwei Milliarden. Andererseits braucht er zwei weitere Milliarden für den Wiesenberg-Eisenbahntunnel, den Jura-Durchstich.

Den fordern sie schon lange, und obwohl die Stadt am Rheinknie mehr als achtzig Prozent des Imports des ganzen Landes abwickelt und draussen in Muttenz der grösste Güterbahnhof liegt, schiebt Bern das Projekt, das sie in Basel als «angemessene Erschliessung» empfinden, seit Jahren auf die lange Bank. «Bern muss begreifen, dass es mit einem gut erschlossenen Basel nur gewinnen kann», sagt Kessler. Er hat noch mehr vor mit der Stadt, die voller «Motoren» sei, etwa dem Kulturzent rum «Kaserne», im Stadtentwicklerjargon: «Ein Ort, an dem die Kreativwirtschaft blüht.» Auch diesen Ort gelte es «fit» zu machen. Mit Managern. Und dann diesen Motor mit dem nächsten verbinden, etwa durch breite Velo streifen.

Und weil Basel den Rhein als Naherholungsgebiet wiederentdeckt hat, weil Herzog & de Meuron auf dem Roche-Gelände einen Turm bauen für 1900 Angestellte, weil schräg gegenüber der Novartis Campus entsteht, weil der ehemalige Hafen St. Johann nun mit einem Fussweg in offenem Grenzgebiet die Stadt mit dem Elsass verbindet, und weil die Stadtplaner am liebsten den Hafen Kleinhüningen stadtauswärts nach Deutschland verlegen würden, um auf Basler Boden Grünfläche, Naherholungszone und «Wohnungen an bester Lage» zu bauen, und weil für zwei Milliarden Franken zwölf Wohntürme für 5000 Mieter gebaut werden sollen – wegen all dem soll es neben den S-Bahn-Röhren auch ein Rhein-Tram geben, im Zickzack-System soll es im Tram-Takt zwischen Klein- und Grossbasel hin- und herfahren. Und in einem Mezzanin unter dem Marktplatz, im Zwischenraum zum viel tiefer gebohrten S-Bahn-Tunnel, sollen die Basler künftig an der im 19. Jahrhundert zugedeckten Birsig einen Caipirinha trinken – Kesslers Vision ist eine unterirdische Flanierzone mitten in der Stadt.

Er sagt: «Politik und Verwaltung müssen mit dem Tempo der Wirtschaft gleichziehen. Daniel Vasella hat mit dem Campus ein Signal für Basel gesetzt. Auf der anderen Seite interessiert sich Vasella nicht sonderlich für bürokratische Probleme oder demokratische Hürden. Er sagt: ‹Ich will vom Umland liberale Rahmenbedingungen, hohe Bildung, tiefe Steuern. Wir liegen gut im Rennen. Ausser beim Wohnraum, da müssen wir zulegen.›» Dann gebe es Sachen, die man den Lobbyisten in Bern überlassen müsse: «In Singapur ist es möglich, innerhalb von sechs Jahren ein Medikament zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Hier sind es zwölf. Das muss sich ändern. Dann werden wir unbestritten die Nummer eins sein.»

Die Nummer eins – in den Augen des französischen Kardiologen Jean-Paul Clozel ist das Basel bereits. Der Wissenschaftler ist die Personifizierung einer Basler Life-Sciences-Erfolgsstory: Clozel war bis 1997 in der Herz-Kreislauf-Forschung von Hoffmann-La Roche tätig, dann gründete er unter anderem mit seiner Frau Martine in Allschwil BL das Pharmaunternehmen Actelion. Heute arbeiten weltweit 2500 Angestellte in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Marketing für ihn, tausend allein an der Stadtgrenze zu Basel. Die Firma macht in zwischen einen Milliardenumsatz und ist das grösste Biotech-Unternehmen in Europa. Solche Erfolgsgeschichten sind in Basel das Fundament für Hundert-Meter-Wohnturm-Pläne, neue S-Bahn-Tunnel und mediterrane Caipirinha-Träume an beleuchteten Flüssen im Untergrund.

Und weil solche Firmen international sind, weil etwa bei Actelion die Mitarbeiter aus vierzig Länder kommen und man vernetzt sein und den neuen Kommunikationsformen auch architektonisch gerecht werden will, bauen Herzog & de Meuron für 130 Millionen Franken neben dem jetzigen Hauptgebäude das «Actelion Business Center», ein komplex verästelter Glasbau, «von Licht durchflutet, wo es keine langen Wege gibt», wie Sprecher Roland Häfeli sagt. «Wir konnten Actelion hier erfolgreich starten, weil die Gründer in der Region Basel auf eine grosse Anzahl von Fachkräften zurückgreifen konnten.»

Der Durchbruch war ein Medikament namens Tracleer gegen Bluthochdruck in den Lungenaterien. Jetzt stehen Clozel & Co. kurz vor dem Durchbruch bei der Erforschung eines Schlafmittels, das eine Revolution sein soll, es simuliere Normalschlaf ohne Nebenwirkungen.

Weil das alles eine unglaubliche Erfolgsgeschichte ist, hat sich der ehemalige Forschungsminister Pascal Couchepin selbst eingeladen und sich per Helikopter einfliegen lassen. Wochen später kam auch Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard vorbei.

Couchepin ist ein gutes Stichwort, denn Actelion-CEO Clozel, der sich zum Gespräch in einen schwarzen Ledersessel fallen lässt, sieht aus wie der lustige Bruder des alt Bundesrats. Wenn der Franzose von Basel redet, dann spricht aus ihm ein chauvinistischer Lokalpolitiker: «Basel ist der beste Ort auf der Welt, ein Pharma-Unternehmen zu gründen. Die Schweiz bietet eine ausgezeichnete Infrastruktur, das Bildungsniveau ist hoch, es herrscht sozialer Frieden. Und dank Roche und Novartis ist hier in der Region die Dichte an Life-Sciences-Firmen so hoch wie nirgendwo sonst und damit auch der Wissensschatz und die Zahl der Forscher und von Leuten, die wissen, wie man etwa Forschungsunternehmen gründet. Basel ist für die Life-Sciences, was Paris für die Mode ist.»

Während der kardiologe das sagt, testet nebenan eine Forscherin die Verträglichkeit eines Actelion-Produkts für das Herz. Clozel steht auf, schaut sich die Sache kurz an und sagt: «Ich werde nicht in den Neubau ziehen, ich werde hier bleiben, im Forschungsgebäude. Ich muss immer wissen, wo wir mit unserer Forschung stehen.» Dann sagt er: «Es klingt unglaublich, aber es ist die Wahrheit: Im Raum Basel stehen uns alle Türen offen. Vor zwei Jahren haben wir Jed Black gefragt, ob er für uns arbeiten will.»

Jed Black ist eine Koryphäe in der Schlafforschung, der Beethoven der Schlaftabletten. Er war verantwortlicher Professor für Schlafforschung an der Universität in Stanford, Kalifornien. Bis ihn Clozel anrief. Seit zwei Jahren arbeitet Black in Allschwil. Und Clozel sagt: «Wir leben einen Traum.»

Direkt vor der Actelion-Tür hält der Bus 48. Dieser fährt zu Stosszeiten direkt zum Bahnhof. Es ist ein Spezialbus für Actelion und andere Life-Sciences-Firmen in Allschwil. Man will es den  Firmen so bequem wie möglich machen, viel bequemer als in Shanghai oder in Boston. Deshalb war die Debatte im Grossen Rat da rüber, ob aus dem ältesten Hafen der Stadt, St. Johann, der Novartis Campus werden soll, bloss Formsache.

Aber globalen Visionen stehen manchmal trotzdem ganz lokale Probleme im Weg. Schrebergärten etwa. Oder ein politischer  Rosenkrieg zwischen zwei Halbkantonen, die eigentlich, wirtschaftlich, eins sind, deren Grenzen für Stadtplaner bloss historisch  bedingt sind und die mit 120 Staatsverträgen ihr Zusammenleben regeln und vereinfachen. Kürzlich hat der Grosse Rat von Basel-Stadt beschlossen, die Finanzierung des Busses Nummer 48 zu streichen, weil davon mehrheitlich Basel-Landschaft profitiere.

Kein gutes Omen für die anstehende Debatte darüber, welcher Halbkanton wie viel an die S-Bahn zahlen soll. Guy Morin, Regierungspräsident Basel-Stadt, verdreht schon mal vorsorglich die Augen. Globaler Wettbewerb, Life-Sciences und Logistik sind für die Stadt ein Geldsegen. Doch manchmal sind sie, mit Rücksicht auf den begrenzten Raum, die Verordnungen, die Bürokratie, den Heimatschutz und den Naturschutz, dieses ganze komplizierte Ding namens Demokratie, mit Rücksicht auf die Schrebergartenbesitzer, auf die Animositäten zwischen linker Stadt und rechtem Land, auf die Interessen der Deutschen, der Franzosen und der eigenen, eine ziemlich nervenaufreibende Sache.

© Magazin Sonntagsblick, 14. Februar 2010

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