Reclaim The Streets 2010
Vielleicht haben sich einige gewundert, wo der Reclaim The Streets-Artikel hingewandert ist. Er ist nur vorübergehend verschwunden, weil ich ihn nicht schon posten wollte, bevor er in der WOZ erscheint. Folgend also ein etwas ausführlicheres Protokoll des Nachtspaziergangs.
Reclaim The Streets Am Wochenende demonstrierten über tausend Menschen in den Strassen der Zürcher Kreise 4 und 5. Protokoll eines Nachtspaziergangs.
«Aktion Respeck»
Von Carlos Hanimann
Stell dir vor, du steigst gerade in den Zug nach Zürich und erhältst eine SMS: «RECLAIM THE STREETS Heute Samstag 6.2. 22.00 Uhr pünktlich Carparkplatz Zürich Bitte Weiterleiten! Kommt zahlreich!»
Da freust du dich natürlich im ersten Moment, weil du vielleicht gute Erinnerungen an vergangene Reclaim The Streets hast. Und wenn du dich nicht erinnerst, hast du vielleicht schon ähnliche SMS erhalten, Einladungen an klandestine Partys. Du weisst aber auch, dass jede «Reclaim the Streets» sagen kann – was sie damit meint, weisst du aber nicht. Reclaim the Streets kann ja auch VoKü im Regen mit einem kaputten Generator und zwanzig Leuten heissen. Oder eine gewöhnliche Demonstration mit 150 Leuten. Das kennst du alles. Und du hast die SMS auch nicht von einer Organisatorin direkt erhalten, sondern von einem Freund, der selber gar nicht daran teilnimmt. Und der hat sie von einer Kollegin und so weiter. Und du weisst nicht so recht, was du von dem bevorstehenden Anlass halten sollst. Ist ja nicht immer gute Laune drin, wo «Reclaim the Streets» draufsteht. Dann erhältst du noch eine SMS und noch eine. Und darin stehen dann Fragen wie: «Wird das heute Spass oder Spannung?» Eine Antwort hast du natürlich nicht parat, aber du hoffst vielleicht, dass es eine Mischung aus beidem wird …
Das wird ein guter Abend
Beim Carparkplatz in Zürich siehst du zwanzig, dreissig Leute. Du bist zwanzig Minuten zu früh, aber die SBB spricht ihre Zugverbindungen ja nicht mit den Demonstrantinnen ab. Also gehst du zum Kiosk und kaufst dir ein Bier – und als du zurückkommst, stehen da schon fast 200 Leute. Und dann kommt ein Wagen herangefahren, jemand schiesst Feuerwerk in den Himmel, und irgendwie merkst du: Das wird ein guter Abend.
Du triffst Bekannte und fragst, was denn jetzt passiert, auch nicht die üblichen Verdächtigen, die bei so was immer Bescheid wissen, können dir sagen, wohin es geht, wie lange es dauert und wer dahinter steckt.
Aber das ist egal. Weil: Plötzlich spielt die Musik, harte Bässe rollen über die Strasse, mehrere Hundert Szenis, Punks, Fussballfans, Hausbesetzer, Studentinnen laufen los in Richtung Limmatplatz. Einer bemalt VBZ-Billett-automaten mit einer Silberspraydose, und eine verstopft die Münzschlitze mit Silikonspray, und ein anderer sprayt mit roter Farbe: «Gratis ÖV!» Du denkst, das kann ja heiter werden – je mehr Sprayereien, desto schneller kommt die Polizei. Aber dann hörst du Dubstep-Beats von einem der zwei oder drei Soundwagen, wie viele es genau sind, siehst du nicht, weil der Demozug schon ziemlich gross geworden ist, und du bist erstaunt, woher plötzlich all die Leute gekommen sind. Dann siehst du vorne ein paar Vermummte rumrennen, die mit Schablonen Parolen sprühen, und andere, die ein riesiges, buntes Transparent mit sich tragen. «Reclaim the Streets» steht da drauf, und du denkst, da hat es jemand aber gut gemeint mit dem LSD, so bunt ist das gemalt.
Die Leute tanzen, trinken, rauchen – sie feiern, wie sie es sonst vielleicht auch tun. Aber sie müssen nicht anstehen, sich von Türstehern durchwinken lassen, 25 Franken Eintritt bezahlen, die Jacke an der Garderobe abgeben, «zwei Schtutz», und über die Bar brüllen, um ein Getränk zu bestellen, nur um erstaunt festzustellen, dass es für die Zwanzigernote halt nur noch einen Fünfliber Rückgeld gibt, obwohl sie doch nur einen Drink bestellt haben.
So geht das eine Stunde lang, vielleicht auch zwei. Zwischendurch klirren Scheiben: Hooters («Gegen Sexismus»), McDonald’s («Down Down USA») und die Mercedes-Garage müssen dran glauben. Und du fragst dich, warum die Polizei nicht eingreift. Weil, sonst sind die Polizisten an der Langstrasse auch immer schnell zur Stelle. Aber du lachst, als einer «Aktion Respeck» an die Wand sprayt, weil dich die Polizei vielleicht auch schon von deinem Velo gezerrt hat, als du in der falschen Richtung durch die Einbahnstrasse gefahren bist.
Als du vor Gebäude der Tamedia stehst und beobachtest, wie die Leute Pflastersteine gegen den Glaspalast schmeissen, nach vorne rennen, die Steine wieder aufsammeln und von neuem werfen, erinnert dich das an ein Squash-Spiel.
Und dann kommt die Polizei.
War ja klar, dass sie den Pöbel nicht in die Innenstadt ziehen lassen. Der Umzug löst sich kurz auf. Ein paar Dutzend bleiben auf der Brücke zurück, werfen Steine und Flaschen gegen die überforderten Polizisten. Diese antworten mit Tränengas und Gummischrot. Du beobachtest die Szene aus der Ferne, frierst das Bild ein und denkst: Irgendwie romantisch – dunkle Gestalten stehen auf der nebelverhangenen Brücke, rote Feuerwerkskörper fliegen gegen Blaulicht, und vom Himmel regnet es Tränengas.
Von nah betrachtet sind die jungen Kämpfer aber nicht mehr romantisch, sondern höchstens aggressiv, der Nebel beisst, und die Aktion ist ziemlich sinnlos.
Abgeschriebener Polizeirapport
Später versammelt sich, was von den Demonstranten übrig geblieben ist, zieht wieder Richtung Langstrasse, und die Polizei siehst du erst wieder am Montagmorgen, als du an der Langstrasse auf den Bus wartest, der dich zur Arbeit fährt.
Du liest die Zeitungen und merkst, dass kein Reporter vor Ort war und alle nur die Polizeimeldungen abschreiben. Und du fragst dich, weshalb niemand über die Gründe für die Demonstra-tion schreibt – zum Beispiel über Quartieraufwertung, hohe Mieten, Polizeirepression und enge Räume – sondern nur über versprayte Wände. Erst bist du empört, aber dann sagst du dir: Vielleicht bist du naiv?
Und dann musst du für die Zeitung einen Bericht darüber schreiben, wie es wirklich war. Was schreibst du?
© WOZ – Die Wochenzeitung, 11. 02. 2010
UPDATE: Mittlerweile hat es doch noch jemand geschafft, einen differenzierten Artikel zum RTS zu schreiben: Dario Venutti erklärt das RTS im Tagi von heute. Lesebefehl.
4 Responses to Reclaim The Streets 2010
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Und dann läufst du fünf Minuten, nachdem die Demo durchgekommen bist, über den Stauffacher und wunderst dich. Deine Mitbewohnerin erzählt dir später noch von den eingeschlagenen Scheiben beim Designmöbelgeschäft um die Ecke. Und dann denkst du dir so, als in die Jahre kommender Linker, dass am Ende die auf der Strasse verlieren und es nicht merken und die einzigen die gewinnen die rechten Populisten und die Versicherungen sind. Und fragst dich, was so rassistischer Bullshit wie Down Down USA mit der Schweiz zu tun hat und dass sich doch jeder bitte mal um die Abschaffung des eigenen Nationalstaates kümmern soll.
“Du liest die Zeitungen und merkst, dass kein Reporter vor Ort war und alle haben nur die Polizeimeldung abgeschrieben”.
Ja, schade. Wäre ein Reporter vor Ort gewesen, hätte er sich davon überzeugen können, dass die ganze sinnlose, ziellose Gewalt, diese höchst destruktive Energie, der Vandalismus, eine politische Aussage sein wollte. Man “demonstrierte” gegen Quartieraufwertung, hohe Mieten, Polizeirepression und enge Räume und “zwischendurch klirren Scheiben”, z.B. von einem kleinen Coiffeur. Man wartete geduldig , bis die Vandalen ihr Werk verrichtet hatten und keiner greift ein. Bei Mc Donalds werden die Scheiben eingeschlagen, auf die Scheibe “down down USA” gesprayt. Ich bin verwirrt. Ist die USA und stellvertretend McDonalds, nach linker Lesart verantwortlich für alles Übel in der Welt, nun auch für die gestiegenen Mieten in Zürich und die Quartieraufwertung verantwortlich?
Wer bezahlt den Schaden? Die Autonomen, Hooiigans, Secondos auf der Suche nach etwas “Action”, alternativen Lebenskünstler et al.? Nein, es bezahlen ja die anderen. Gut so. Sie, Herr Hanimann, haben ja schon früh gemerkt, dass es “ein guter Abend” wird. Hauptsache Spass und Frustabbau. Wieso werden die konstruktiven Elemente dieser Anti-Kommerz-Bewegung nicht politisch aktiv? Vermutlich ist’s zu mainstream, zu spiessig.
Nichts gegen alternative Lebensentwürfe, aber ein Leben nach dem Prinzip “der andere bezahlt”, ist ein Armutszeugnis. Wird diese sinnlose Gewalt irgendetwas zum Guten verändern? MItnichten, die Polizeipräsenz wird zunehmen. Das Gros der Bevölkerung will, dass die Vandalen zur Rechenschaft gezogen werden.
Keiner hat’s kapiert, dass ihr eigentlich demonstriert habt. Gemein.
@matze und stefan:
Natürlich hätte ich auch ausführlicher über die (sinnlosen) Sachbeschädigungen schreiben können, nur: Das haben alle anderen Journalisten ja schon über-ausführlich gemacht.
Ausserdem: “Wird diese sinnlose Gewalt irgendetwas zum Guten verändern?” Erwarten Sie wirklich, dass ich eine Abhandlung darüber schreibe, ob Sprayereien und eingeschlagene Scheiben etwas an der Wohnsituation in Zürich ändern? Das ist ja wohl nicht Ihr Ernst. Ich habe geschrieben, was passiert ist, wie es war, wie ich den Abend erlebte…
Was Sie davon halten, bleibt Ihnen überlassen.
Da muss ich nochmals nachhaken… Ich meinte nur, dass man sich als Teilnehmer dieser “Demonstration”, sofern man wirklich gegen etwas demonstrieren wollte, fragen sollte, wieso man die Gewalt tatenlos tolerierte. So wie dieser “gute Abend” verlaufen ist, wird die Polizeirepression, gegen die eigentlich ein Zeichen gesetzt werden sollte, sicher zu und nicht abnehmen. Ein Wort darüber, dass für jene, die wirklich eine politische Botschaft rüberbringen und etwas verändern wollten ein Disaster war, hätte man verlieren können.