Aus dem Newsletter des St. Galler Palace:

Freunde der Nacht,

diese Geschichte handelt davon, dass Deutsche und Schweizer ihr Geld in die selbe Kasse zahlen. Denn als ein erklärter Fan von Jochen Distelmeyer hörte, dass wir ein Konzert im Palace machen könnten, dies aber doch unsern finanziellen Rahmen sprengt, da war er sofort bereit, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Er suchte im Palace nach weiteren SpenderInnen und fand draussen vor der Tür prompt ein paar Deutsche, die es ihm gleichtaten. So also kommt es morgen zum ersten Palace-Mäzenaten-Konzert. Es ist nicht gratis, aber es wurde dank den Fan-Spenden überhaupt möglich, allerbesten Dank!
Das scheint uns in dieser Stadt auch insofern erwähnenswert, als die Adresse des lokalen Kapitalismus hier auf den Privatbanker Konrad Hummler lautet. Das Vermögen von Hummler und Partnern beträgt gemäss Wirtschaftsmagazin «Bilanz» 300-400 Millionen. Nun ist es nicht nur so, dass sich Hummler in der Verteidigung der Lebenslüge Bankgeheimnis im Krieg wähnt: «Die Substanz des Finanzplatzes nimmt Schaden, und niemand ganz oben ruft: Mannschaft daher, sammeln!», sagte er gerade am Sonntag. Einer seiner denkwürdigsten Sätze überhaupt lautet: «Jeder Franken, der am Staat vorbeigeht, ist ein gut eingesetzter Franken.» Als ob nicht der Staat das Geld selbst in die Welt setzt, aber egal.

Und nun ist es auch nicht nur so, dass Hummler die südliche Altstadt aufkauft bzw. aushöhlt: Vom seinem Hauptsitz führt ein Tunnel unter der Schwertgasse hindurch in Nebengebäude, die mittlerweile bis nach vorne zur einstigen Kultbeiz «Zur letzten Latern» reichen. Auch das Katharinenkloster hat er gekauft, womit es den dort ansässigen Freikirchlern möglich wurde, ihren neuen Pop-Tempel neben der Autobahnausfahrt St.Fiden zu eröffnen. In den einstigen Musik-Proberäumen unter dem Z-Records soll sich angeblich Hummlers Archiv befinden. Zuletzt hat ihm das Stadtparlament auch die Theatervilla im Baurecht abgetreten. Diese Aushöhlung geht ohne jede Kritik vonstatten.

Nein, vor allem spielt sich Hummler auch als Mäzen auf: Vor einiger Zeit hat er das leicht kindische Unterfangen gestartet, jeden Monat eine Kantate von Johann Sebastian Bach aufführen zu lassen. 25 Jahre soll es bis zur letzten Kantate dauern. Seine Motivation hat Hummler einmal so beschrieben: «Bei der Nummer 39 aus der Matthäus-Passion lief es dem knapp zwölfjährigen Knabensopran heiss und kalt zugleich den Rücken hinunter: jene frühadoleszente Gefühlslage höchsten Glücks und abgrundtiefer Beklemmung, wie sie sich wenig später beim Gewahrwerden der Geschlechtlichkeit wiederholen sollte.» Unterdessen bietet Hummler auch Gratiskonzerte an, «für die Bevölkerung». Und sie strömt in Scharen, als ob wir uns noch im Absolutismus befinden würden.

Freunde der Nacht, es bleibt uns nur eines übrig: Wir müssen den Multimillionären und Demokratiefeinden wie Hummler nicht nur die Daten und Häuser zurückklauen. Sondern auch die ganze Quacksalberei mit dem Mäzenatentum. Denn es ist ja nicht so, dass die einen angeblich Deutsche sind und die anderen Schweizer, sondern dass die einen ihre Steuern zahlen und die anderen nicht. Und Konrad Hummler hilft ihnen dabei. Umso besser, kommt jetzt einer der besten Diskursscheitel:
- – - – - – - – -
Palace, St. Gallen, Mittwoch, 10. Februar, Tür: 20 Uhr, Konzert: 21.30 Uhr: JOCHEN DISTELMEYER (DE). DJ Stanley. Heavy Man, tritt Blumfelds Erbe an. The Return Of The Magnificient Meister-Scheitel, der Verstärker of everything!

Den Newsletter kann man hier abonnieren.

4 Responses to Distelmeyer vs. Konrad Hummler

  1. Simon sagt:

    Naja, dieser Text wäre jetzt nicht wirklich nötig gewesen. Distelmeyer wird da eher für eine Sinnlosattacke missbraucht.

  2. Nun – lieber “leicht kindisch” als geistig vorzeitig pensioniert, wie es der in überholten ideologischen Schemen verbetonierte Verfasser offenbar ist. Ihr seid alle herzlich eingeladen, nach Distelmeyer zur Abwechslung mal zu einer Aufführung meines “leicht kindischen” Projekts nach Trogen zu kommen.

    KH

  3. [...] Mehr zu Konrad Hummler bei Nation of Swine (Text) und von Konrad Hummler (als Kommentator): Hier. Verlinken Category: [...]

  4. Miriam sagt:

    @ Simon: Ich find den Text aber lustig, selbst wenn die ganze Polemik auf Distermeyers Buckel ausgetragen wird.. :-)