WEF 2010
Carlos Hanimann | 30. Januar 2010 | 3 Comments
Rethink, Re… äh, was. Das WEF ist vorbei.
Alle Blogeinträge zum diesjährigen WEF gibt es hier.
SAMSTAG, 30. Januar 2010
«Those who think they are bigger than the rest, should go to the cemetery. There, they will find what life really is. It’s a handful of dirt. La vida no vale nada.»
Das Zitat stammt aus «The Limits of Control» von Jim Jarmusch – ein Film, der irgendwie wunderbar zum WEF passt. Aber das ist eine andere Geschichte …
++ WIPE OUT WEF ++
Meine Finger sind noch ziemlich eingefroren, weil eine Stunde an der Demo in der Kälte (der Computer sagt -4°, allerdings gefühlte Temperatur: Mond-Schattenseite, also -170° bis -185°). An der Demo, die von DavoserInnen, Grünen und Jusos organisiert worden ist, nahmen rund 200 bis 250 Leute teil, etwas mehr als letztes Jahr.
Die Polizei war natürlich auch präsent, mit Gitterwagen und Zivilpolizisten – Standardprogramm. Wesentlich nervöser war die Fahrerin des Shuttlebusses, die mich vom Kongresszentrum an die Demo fuhr: «Die Polizisten, die haben Gitter an ihren Autos, aber was ist mit meinem Bus?» Die Angst war unbegründet. Die Demo verlief ziemlich friedlich, beim Registrierungszentrum flogen dann ein paar Schneebälle über den Zaun in Richtung Tiefgarage, bzw. Baustelle. Die Polizei hielt sich zurück. Einige Demonstranten begannen, den Zaun, der das WEF schützt (vor wem eigentlich?), zu demontieren. Wir werden sehen, ob der Umzug nächstes Jahr wieder hier durchgehen wird, ich habe meine Zweifel. Denn gleich an der Strasse wird derzeit das neue Kongresszentrum gebaut. Und dann werden die Schneebälle nicht auf Kranen prallen, sondern direkt an die Scheiben des WEFs. NOTIZ an mich selbst: Nächstes Jahr die Fenster offenlassen.
Die Demonstranten zogen dann auf Bitte des Landammanns Hans Peter Michel weiter, damit die Lage nicht eskaliert. Die Polizei hatte sich auf der anderen Seite des Zauns nämlich bereits in Stellung gebracht.
Dann habe ich die Demo weiterziehen lassen und ein wenig mit einem WEF-Teilnehmer geplaudert, der völlig verstört vor dem geschlossenen Registrierungszentrum stand. «Everything’s closed. What happened here?», fragte er mich. Als ich ihm von der Demo erzählte, war er erstaunt. «Demo? Wogegen protestieren die denn? Gegen Regulierungen?» Er konnte es kaum glauben, dass sich der Protest gegen das WEF selber richtete. In all den Jahren, in denen er herkomme, habe er nie etwas davon mitbekommen. Und dann sagte er den schönen Satz: «Weisst du, am G8 oder an anderen institutionalisierten Treffen, da brennen Autos, die Stadt wird in Schutt und Asche gelegt, aber hier? Die Strasse sieht ja noch so aus wie vorher.»
Das WEF fand er übrigens grossartig, viel besser als letztes Jahr. «Letztes Jahr herrschte eine regelrecht depressive Stimmung. Dieses Jahr wird wieder gearbeitet, es geht was.»
Anbei ein paar Eindrücke von der Demo (und wenn ich noch lerne, wie man Audiodateien schneidet und rauflädt, kommen morgen noch Teile der Reden.)
++ NO COMMENT DAVOS ++
Etwas vom Spannenderen am WEF sind die Computerterminals, die hier überall rumstehen. Über die Computer hat man Zugriff auf die interne WEF-Datenbank. Darin sind die meisten Teilnehmer des WEF aufgelistet, oft mit Telefonnummer, immer aber mit E-Mail. So kann jeder, der einen Badge hat, zum Beispiel Bill Gates eine Mail schreiben, oder Bill Clinton, oder Hans-Rudolf Merz. Gestern habe ich verschiedene Anfragen über dieses Terminal verschickt. An Joseph Stiglitz, Nouriel Roubini, Klaus Schwab und einige andere. Antworten habe ich allerdings keine erhalten. Weder Klaus Schwab (WEF-Gründer) noch Adrian Monck (Head of Communications) wollten sich zu den Fake-Videos der Yesmen äussern. Zu schade. Ob es daran liegt, dass Nation of Swine nicht wie Financial Times tönt?
Naja, vielleicht das nächste Mal. Ich verabschiede mich jetzt für ein Weilchen vom Kongresszentrum und schaue, was die Anti-WEF-Demo so macht.
++ REGULATE? OVERREGULATE?
MORE NOISE THAN ACTION! ++
Zurück zum Geschehen im Kongresszentrum. Vor dem Eingang hat sich vor wenigen Minuten eine grosse Traube gebildet. Der Grund dafür war Nouriel Roubini, wegen seiner pessimistischen Wirtschatsprognosen auch bekannt als Mr. Doom. Er hat, wenn ich das richtig gesehen habe, Bloomberg TV ein kurzes Interview gewährt. Weil er etwas gestresst war, lehnte er eine Interviewanfrage von Nation of Swine leider ab. Er musste dringend weiter, weil er heute Nachmittag an einem Workshop mit dem etwas kryptischen Titel «Weak Signals» teilnehmen und dort u.a. mit Arianna Huffington und Niall Fergusson diskutieren wird, was auch immer das heissen mag. Genaueres gibts leider nicht, weil die Presse – wie an den meisten Veranstaltungen am WEF – nicht zugelassen ist.
Roubini äusserte sich im TV-Interview ziemlich skeptisch, was Regulierungen der Finanzmärkte angeht: «Ein Treffen allein wird keine Änderungen herbeiführen.» Reporter: «Aber gibt es wenigstens Bestrebungen?» «Nun, es muss ja etwas geschehen. Alle wissen das.»
Zu wenig konkret? Viel konkreter ist in den letzten Tagen am WEF kaum jemand gewesen. Josef Ackermann, aufgewachsen im Kanton St. Gallen heute Boss der Deutschen Bank, sagte gerade auf dem Podium – hoho! passende Breaking News: «Es muss dringend etwas passieren, denn wir müssen das Vertrauen in das Finanzsystem wieder herstellen.»
Derselbe Josef Ackermann hat sich übrigens heute auch ziemlich zuversichtlich geäussert, was die Zusammenarbeit mit Regulatoren angeht: «Sie sind Teil der Lösung, nicht des Problems.» Der Agentur Bloomberg sagte er: «Wir haben uns in vielen Punkten einigen können. Die Diskussionen zwischen Wirtschaftsführern, Politikern und Regulatoren waren besser als je zuvor.» Die Frage ist nur: Haben sich die Banken mit der Politik geeinigt? Oder die Politik mit den Banken?
Der passende Kommentar, natürlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen, kommt von Montek Singh Aluwia, der gerade mit Jo Ackermann auf dem Podium sitzt: «There’s much more noise than action.»
FREITAG, 29. Januar 2010
++ FLAVIO COTTIS SCHWÄCHEANFALL ++
Eine sehr gut unterrichtete Quelle berichtete eben, dass Altbundesrat und Credit-Suisse-Berater Flavio Cotti gestern an einer Veranstaltung der Credit Suisse einen Zusammenbruch erlitt. Entgegen anderslautenden Gerüchten hatte Cotti aber keinen Herzinfarkt, sondern lediglich einen Schwächeanfall. Er ist wieder wohlauf und hat heute bereits wieder Panels am WEF besucht.
++ EINE SAUBERE SACHE ++
«Beim 40. World Economic Forum (WEF) vom 27. bis 31. Januar im schweizerischen Davos ist es dieses Jahr noch schwieriger, durch die Absperrungen zu kommen. Nur Autos mit einem ‹Green Eco›-Aufkleber haben freie Fahrt.»
Quelle: Audi Pressemitteilung
Diese Pressemitteilung von Audi lag hier im Medienzentrum rum. Audi gratuliert sich darin selber dafür, dass es sich für das «Towards a Greener Davos»-Konzept qualifiziert hat. Nachhaltigkeit – grosses Thema am WEF. Es dürfen nur Fahrzeuge in den Dorfkern von Davos fahren, die maximal neun Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen, bzw. maximal 230 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen. Allerdings ist diese grüne Kampagne kaum ernst zu nehmen. Gestern Nacht plauderte ich mit einem langjährigen Limousinenchauffeur an einer Bar über das grüne Davos. Er selbst hatte dafür nur Spott übrig. Er hat wohl zu oft gelangweilte Gattinnen von Global Leaders nach St. Moritz zum Pelzshopping fahren müssen. Vor ein paar Jahren zum Beispiel die Gattin eines ziemlich vermögenden russischen Oligarchen. Eine kurze Fahrt eigentlich, der TCS sagt: 1h 15 Minuten. Die Hinfahrt empfand die Dame aber dann doch als etwas zu kurvig – worauf sie sich kurzerhand entschloss, mit dem Helikopter zurück nach Davos zu fliegen.
So geht das.
Wie auch immer … Eigentlich hätte der Herr Chauffeur dieses Jahr mit einer Hybrid-Mercedes-Limousine am WEF herumfahren sollen. Sehr umweltfreundlich, sagte er. Aber leider haben diese neuen Modelle noch ein paar Anlaufschwierigkeiten. Nach einigen tausend Kilometern laufen die Dinger nicht mehr rund. «Als ich auf dem Weg nach Davos war, stockte plötzlich der Motor. Da wusste ich: Wir müssen umkehren.» Also ist der Herr Chauffeur mitsamt seinen WEF-Gästen wieder zurückgefahren und hat die Karre gegen einen Audi ausgetauscht. Und so fährt er jetzt auch mit einem «grünen Audi» durch Davos, der mit einem Verbrauch von 8,5 Litern Diesel auf 100 Kilometer, bzw. 224 Gramm CO2 pro Kilometer ziemlich knapp noch einen «Green Eco»-Aufkleber erhalten hat.
++ TRUE WORDS FROM DAVOS ++
Endlich wahre Worte aus Davos! Die Global Leaders zeigen Reue und gestehen ein, dass sie in den vergangenen Jahren jede Menge Schaden angerichtet haben. WEF-Gründer Klaus Schwab sagt in einem Interview mit den hauseigenen WEF News: «We crashed a lot of economies in 2009». Und Ihre königliche Hoheit Queen Elizabeth II. ruft in einer Videobotschaft in Erinnerung, worauf der Reichtum des britischen Empires wirklich gründet: der kolonialen Plünderung der südlichen Hemisphäre.
Glaubst du nicht? Hier der Linke zur offiziellen Website. Und anbei das Video mit der Rede von Klaus Schwab.
++ FREE DRINKS, FREE FOOD, FREE PRESS ++
Kurzzeitig ists hier richtig rundgegangen im Medienzentrum, als das kalte Buffet eröffnet wurde. Man könnte glauben, die Journalisten hätten seit Wochen nichts zu essen gekriegt – Free Food, Free Drinks, Free Press!
DONNERSTAG, 28. Januar 2010
++ GOOD EVENING, DAVOS! ++
Ich bin eben erst angekommen und die Lage scheint mir noch ziemlich unübersichtlich. Bevor ich mich im Pressezentrum richtig hinsetzen und meinen Laptop aufklappen konnte, hat der spanische Kollege nebenan schon lauthals geflucht. Das geht ja schon mal wunderbar los, hab ich gedacht. Aber geflucht hat der Kollege nicht, weil ich reingekommen bin, sondern weil ein anderer den Pressetermin abgesagt hat: der spanische Präsident José Luis Rodriguez Zapatero. Da hat jetzt wohl einer ein Problem, seinen Artikel fertigzuschreiben – denn er flucht immer noch.
Wie auch immer … viel wichtiger: Alles muss grün sein hier – «towards a greener Davos». Die Strassen sind zwar völlig verstopft von den vielen Limousinen, Shuttle Bussen und Taxis, aber wenigstes vom Medienzentrum bis ins Kongresszentrum (ca. 200 Meter) fährt man klimaneutral: mit kleinen Golfwagen. Wir werden sehen, ob einer der Fahrer bereit ist, mich auf eine kleine Schleudertour mitzunehmen.
+++ OpenForum +++
Das Thema der heutigen Veranstaltung (an die ich natürlich wegen der schwierigen Wetterverhältnisse zu spät gekommen bin):
- Was waren die Ursachen der Finanzkrise?
- Wie können solche Krisen künftig verhindert werden?
- Wie wirken sich die staatlichen Massnahmen langfristig aus?
- Wie könnte eine globale Regulierung des Finanzsystems aussehen? Wer soll die Regeln entwickeln und umsetzen?
Die Gäste:
Nikolaus Schneider, Stv. Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
Patrick Odier, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, Genf
Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger, Professor, Columbia University, USA
Ziya Akkurt, Geschäftsführer und Aufsichtsratsmitglied, Akbank TAS, Türkei
Christine Lagarde, Wirtschafts- und Finanzministerin, Frankreich
Juan Somavia, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Genf
Moderiert wird das ganze von Stephan Klapproth vom Schweizer Fernsehen
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Anbei ein paar Randnotizen vom Open Forum:
Das grosse Thema ist auch hier: Regulierungen. Wobei – bei der Diskussion wird schnell klar: Eigentlich geht es darum, nicht zu regulieren.
Patrik Odier, der Präsident der Bankiervereinigung, ist der Ansicht, man dürfe jetzt bloss nicht zuviel regulieren. Nicht die Politik solle regulieren, sondern – die Wirtschaft selber. Selbstregulierung heisst das Zauberwort. Odier: «Das Problem war, dass man die Risiken nicht einschätzen konnte.» Das ist übrigens der gleiche Odier, der sich vor einigen Tagen in einem Interview mit der Financial Times von der UBS distanzierte. Vor einem Jahr waren angeblich nur ein paar schwarze Schafe unter den Investmentbankern für die Krise verantwortlich, heute sind es ein paar wenige Banken. Odiers Bank gehört selbstverständlich nicht dazu.
Stiglitz: Selbstregulierung kann nur zum Teil eine Lösung sein. Wir haben ja gesehen: Das hat nicht geklappt. Ich bin skeptisch gegenüber den Bemühungen, global zu regulieren. Weil so sagen die Amerikaner, wir warten auf Europa – und die Europäer sagen, wir warten auf die Amerikaner.
Obama will das Too-Big-To-Fail-Problem angehen, aber die Banken sagen: Dann haben wir einen Wettbewerbsnachteil. Stiglitz sagt allerdings, die Banken seien auch Too-Big-To-Manage.
+++ Jetzt geht es in die Fragerunde +++
Somavia: Die Boni sind zweifelsohne ein wichtiges Thema, aber sie lenken auch vom Problem ab. Die unsichtbare Hand hat etwas anderes sehr sichtbar gemacht: Die Arbeitslosigkeit. Wir haben die Banken gerettet, es gibt wieder Wachstum, die Banken schreiben Gewinne, die Aktien steigen, aber Arbeitsplätze gibt es noch immer zu wenig. Und das ist eine sehr gefährliche Entwicklung.
Okay – grundsätzlich war das Podium interessant, aber wie die meisten Podien auch viel heisse Luft. In diesem Sinne gehört das Schlusswort für heute dem Schweizer Privatbankier Patrik Odier: «Wir müssen uns langfristige Ziele setzen und uns weniger von kurzfristigen Anreizen treiben lassen.»
Tags: Flavio Cotti > Greener Davos > Jim Jarmusch > Joseph Stiglitz > Limits of Control > Open Forum Davos > WEF
Comments
3 Responses to “WEF 2010”




















Januar 30th, 2010 @ 22:03
Grandios. Kann sich das SF gleich ne Scheibe von der NoS-Berichterstattung abschneiden. Stattdessen strahlen die PR-Repos für Handschweiss-Diätler Schwab aus (Reporter, Mittwoch).
Januar 31st, 2010 @ 15:06
[...] Nation of Swine bloggt live & direct vom World Economic Forum in Davos (sobald die Sicherheitschecks vorbei sind – es dauert [...]
Februar 1st, 2010 @ 11:56
Hey Carlos, vielen Dank für deine WEF-Berichte und dafür, dass du mir komische Storys über Legis unterjubelst! Ich muss Nietzsche lesen verdammt: «Die Leidenschaft benutzen wie den Dampf zu Maschinen. Selbst-Überwindung.» Audiodateien geht übrigens sehr gut mit audacity:
http://audacity.sourceforge.net/download/?lang=de
Gruss!D.