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Fifa: Champagne entlassen, der Mann mit dem Koffer bleibt

Carlos Hanimann | 17. Januar 2010 | 1 Comment

(ch.) News aus der korrupten Welt des Sports: +++ Die Fifa entlässt Jérôme Champagne, den Direktor für Internationale Beziehungen +++ Blatter und Champagne schweigen zu den Gründen +++ Das IOK verbannt Jean-Marie Weber a.k.a. «The Bagman» von seinen Anlässen +++ Die Fifa schaut zu und toleriert Korruption in der Familie +++ Lern Jean-Marie Weber kennen, den Mann mit dem Koffer, der jahrelang Sportfunktionäre bestach.

Von Carlos Hanimann

Bei der Fifa rumpelts. Gestern Nacht erhielt ich zwei E-Mails, die mich über die jüngste Entlassung beim Weltfussballverband informierten. «Fifa in turmoil as Blatter fires his last clean aide», schreibt der britische Journalist Andrew Jennings. «Unruhe in der Fifa: Blatter feuert Jérôme Champagne, seinen wichtigsten Mann», heisst es beim deutschen Blogger Jens Weinreich. Nur Joseph Blatter hat sich bisher nicht bei mir gemeldet – aber vielleicht kommt das ja noch …

Jérôme Champagne, Direktor für Internationale Beziehungen, war 11 Jahre lang einer der wichtigsten Berater im Hause Blatter. Über die Trennungsgründe schweigen sich Blatter und Champagne aus. In einer nicht offiziellen Pressemeldung bedankt sich Blatter aber bei Champagne für die Zusammenarbeit. Selbstverständlich tut das auch Champagne bei Blatter – wie es sich gehört, wenn man gefeuert wird. Und das tönt dann so: «Jérôme Champagne dankt seinerseits Joseph S. Blatter dafür, dass er dem internationalen Fussball und einer so ehrenwerten Sache wie der Gestaltung einer besseren Zukunft während so vieler Jahre dienen durfte.»

Während die Fifa einen – soweit ich weiss – sauberen Funktionär entlässt, darf ein anderer, altgedienter Freund der Fifa auch in Zukunft der «so ehrenwerten Sache wie der Gestaltung einer besseren Zukunft» dienen: Jean-Marie Weber, Übername: The Bagman – oder: Der Mann mit dem Koffer.

Wer ist Jean-Marie Weber? Im Frühjahr 2008 fand in Zug ein Prozess gegen sechs Exekutivmitglieder der Sportmarketingfirma ISL/ISMM statt. Jean-Marie Weber wurde dabei als Mitglied des Verwaltungsrats zu einer milden Geldstrafe verurteilt. Viel wichtiger war aber, dass das Gericht bestätigte, was man seit Jahren vermutete: Die Vergabe von Marketingrechten bei internationalen Sportanlässen war nur dank gigantischer Schmiergeldzahlungen erfolgt. Mindestens 138 Millionen Franken zahlte die Zuger Firma ISL/ISMM zwischen 1989 und 2001 an Bestechungsgeldern – oder wie diese intern hiessen: «Rechteerwerbskosten».

Die zentrale Figur in diesem Schmiergeldzirkus war Jean-Marie Weber, französischer Staatsbürger, wohnhaft in der Schweiz. Er trug jahrelang einen Aktenkoffer mit sich herum, aus dem er, wann immer nötig, Geld für «Provisionzahlungen» nahm. Selbst hochrangige Fifa-Funktionäre erhielten Geld von Weber und seiner Firma. Zum Beispiel der langjährige Fifa-Präsident und heutige Ehrenpräsident João Havelange. Oder sein Schwiegersohn, Freund und Landsmann Ricardo Teixeira, der Präsident des brasilianischen Fussballverbands und Organisator der Fussball-WM 2014 in Brasilien. Sie, das heisst ihre gemeinsame Firma Renford Investments, erhielten mindestens 2,5 Millionen Franken an Schmiergeldern.

Warum das wichtig ist? Man könnte meinen, dass ein Mann wie Weber, der erwiesenermassen jahrelang für die Korruption im Sportbusiness verantwortlich war, bei internationalen Sportverbänden persona non grata sei.
Andrew Jennings hat das Olympische Komitee (IOK) auf Jean-Marie Weber angesprochen. Er hatte den Mann mit dem Koffer in Kopenhagen getroffen – nein, nicht an der Klimakonferenz, aber bei der Vergabe der Olympischen Spiele 2016. Ebenfalls anwesend war Fifa-Ehrenpräsident und Olympia-2016-in-Rio-Lobbyist João Havelange (Bild). Das nährte den Verdacht, dass bei der Vergabe der Olympischen Spiele an Rio de Janeiro Schmiergelder geflossen waren.

Das IOK konnte Jennings nicht eindeutig erklären, warum der vorbestrafte Weber eine Akkreditierung für den Anlass erhalten hatte. Es garantiert nach Jennings’ Anfrage aber, dass Jean-Marie Weber in Zukunft keine Akkreditierung mehr für IOK-Anlässe erhalten wird («we will certainly make sure that Mr Webber does not again receive accreditation for IOC events»).

Eine erfreuliche Nachricht … Die Fifa könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Vor etwa einem Jahr wollte ich vom Weltfussballverband wissen, was er gegen die Korruption in seinem Haus tut. Eine Antwort steht noch immer aus. Und die beiden Schmiergeldempfänger Ricardo Teixeira und João Havelange gehören noch immer der Fifa-Familie an.

Andrew Jennings fragte jetzt bei der Fifa nach, ob sie nach dem IOK-Ausschluss von Weber, ebenfalls vorhaben, Weber von Fifa-Anlässen auszuschliessen. Der Weltfussballverband möchte sich aber zur ISL/ISMM-Affäre (und somit auch zu Weber) lieber nicht äussern (Bild). Weber wird wohl noch öfters bei der Fifa zu sehen sein.

PS: Als die Schweizer U-17-Nationalmannschaft in Nigeria den Weltmeistertitel holte, besuchte ich das Berufungsverfahren in Sachen ISL/ISMM in Zug. Weber und zwei weitere erstinstanzlich für schuldig befundene Exekutivmitglieder verlangten vor dem Obergericht Strafmilderung. Einer fand die Angelegenheit wohl nicht so wichtig, denn er fehlte im Gerichtssaal: Jean-Marie Weber. Laut seinem Anwalt befand er sich auf Geschäftsreise im Ausland.

Comments

One Response to “Fifa: Champagne entlassen, der Mann mit dem Koffer bleibt”

  1. Olympia und die Medien | Nation of Swine
    Februar 3rd, 2010 @ 09:33

    [...] wird man gespannt warten dürfen, ob Jean-Marie Weber (a.k.a The Bagman) im Olympischen Hotel auftaucht – zumal das IOK angekündigt hat, den vorbestraften [...]