Graham Greene über Haiti. & Fauser.
(dr.) Gelesen in der Stunde der grossen Katastrophe: Graham Greenes Roman «Die Stunde der Komödianten» ist ein Thriller über Haiti um 1950. Diktator «Papa Doc» ist an der Macht und führt sein Regime, in der nur eines sicher ist: Die Gewalt. Es geht um Überwachung und Bespitzelung, um Mord und Rebellion, um eine Begegnung mit Smith & Jones, ersterer Ex-US-Präsidentschaftskandidat mit Frau, die Haiti vom Vegetarismus überzeugen wollen, letzterer ein Mann von «echtem Schrot und Korn», der sich auf Haiti den Rebellen anschliesst. «Die Stunde der Komödianten» ist ein Thriller über ein Land, das permanent am Rande jeglichen Zusammenbruchs steht. Und dieser Thriller, der eigentlich eine Reportage ist, ist fantastisch geschrieben. Was nicht erstaunt, immerhin ist Greene auch Autor von «Der dritte Mann», «Der stille Amerikaner», «Unser Mann in Havanna». «Die Stunde der Komödianten» hat Greene nicht nur Lob und Auszeichnung, sondern auch die Verleumdung des haitianischen Diktators eingebracht.
+++ Einschub: Wie immer, wenn es um Diktatoren geht, ist auch die UBS nicht weit. Aktuelle News zu den blockierten Millionen des haitianischen Ex-Diktators hier. +++
Greenes fantastische Schreibe und sein Mut haben auch den deutschen Journalisten und Schriftsteller Jörg Fauser zu Höchstleistungen getrieben. Dann, als Greene für seine Arbeit wieder einmal angefeindet wurde. Greene hatte 1982 eine Broschüre verfasst mit dem Titel «Ich klage an». Es war eine Schrift gegen das Organisierte Verbrechen in Nizza, wo er damals lebte. Der Reporter des «Spiegel» verriss das Stück und nannte den rechtsextremen Bürgermeister, dem Greene Mafia-Verbindungen vorwarf, einen «pittoresken Charakter». Das rief zwei Reporter beim Bayrischen Fernsehen auf den Plan, zwei Männer, die sich seit Jahren mit dem Thema befassten. Sie recherchierten. Und produzierten einen Film, in dem auch Greene auftrat. Und davon handelt Fausers grossartiger Text «Whiskey und Wahrheit». Darin würdigte Fauser den englischen Schriftsteller, der 1991 starb und in Vevey begraben liegt, wie folgt:
«Was wir vorgeführt bekamen in diesem vorzüglichen Film, war Greeneland, und siehe da, es war nicht die schäbige Absteige im East End von Asunción mit dem melancholischen Doppelagenten Alec Guiness und der bibelfesten Hure mit der kessen Lippe und dem grossen Herzen, bei denen unsere Feuilletonisten immer haargenau wissen, woran sie sind. Vielmehr lag Greeneland in einem schicken Milieu, das überall ist, wo die einen vom grossen Geld träumen, indes die anderen sich mit Gewalt sanieren. Wir sahen den Bürgermeister, den Immobilienhändler, den Kasino-Chef, honorige Männer, Unschuldslämmer; wir sahen die Frauen, die mit ihnen zu tun haben, auch wenn sie nichts mit ihnen zu tun haben wollen; wir sahen Zeitungsleute, die mehr wissen, als sie zu sagen wagten und Staatsdiener, die, indem sie nichts sagten, mehr sagten, als sie zu wissen behaupteten. Wir sahen die Orte, die dort besessen werden, wie Besatzer Orte besitzen. Und wir sahen einen fast achtzigjährigen Mann mit imposantem Äusseren und deutlicher Rede, einen Schriftsteller, der nicht nur die Korruption der Melancholie bekämpft hat und die schlimmste aller Sünden, die Verzweiflung, sondern sich das Recht nahm, konkrete Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn ihm das den Hohn der Korrupten und den Hass der Mächtigen eintrug. Greene sah immer noch so aus, als könnte er mehr Cutty Sark vertragen als all seine Kritiker zusammen – mehr Whisky, und mehr Wahrheit.»
Greenes «Die Stunde der Komödianten» über Haiti und Fausers «Der Strand der Städte», in dem «Whisky und Wahrheit» enthalten ist, sind die Tipps dieses Wochenendes.
Haiti bescheiden geholfen hat der Blogger hier.
Ein kurzer Auszug aus «Die Stunde der Komödianten» hier:
Der Zahlmeister hatte die muntere Gewohnheit, alles zu übertreiben; seine natürliche Heiterkeit erhielt nur einen kleinen Dämpfer, als die Smiths um Zitronenbitter baten und, da dies nicht vorhanden war, um Coca-Cola. «Sie trinken Ihren eigenen Tod», sagte er ihnen und begann seine eigene Theorie zu entwickeln, wie die geheimgehaltenen Bestandteile von Coca-Cola hergestellt würden. Die Smiths blieben unbeeindruckt und tranken ihr Coca-Cola mit sichtlichem Vergnügen. «Sie werden was Stärkeres brauchen, dort wo Sie hinfahren», sagte der Zahlmeister.
«Mein Mann und ich nehmen niemals etwas Stärkeres zu uns», erwiderte Mrs. Smith.
«Das Wasser ist nicht zu trinken, und jetzt, da die Amerikaner abgezogen sind, werden Sie auch kein Coca-Cola mehr finden. In der Nacht, wenn Sie das Schiessen auf der Strasse hören, werden Sie vielleicht denken, ein Glas starker Rum…»
«Keinesfalls Rum», sagte Mrs. Smith.
«Schiessen?», fragte Mr. Smith. «Hört man schiessen?» Er blickte mit einer Spur von Besorgnis zu seiner Frau hinüber, die unter der Reisedecke kauerte (selbst in der stickigen Kajüte war ihr nicht warm genug). «Warum schiessen?»
«Fragen Sie Mr. Brown. Er lebt dort.»
Ich sagte: «Schiessen habe ich nicht oft gehört. Gewöhnlich machen sie das ruhiger ab.»
«Wer ist das – sie?», fragte Mrs. Smith.
«Die Tontons Macoute», unterbrach ihn der Zahlmeister voller Schadenfreude. «Die kleinen Teufel des Präsidenten. Sie tragen schwarze Brillen und suchen ihre Opfer nach Einbruch der Dunkelheit auf.»
Mr. Smith legte seiner Frau die Hand auf das Knie. «Der Herr versucht, uns Schrecken einzujagen, Liebste», sagte er. «Man hat uns auf dem Reisebüro nichts derartiges erzählt.»
«Er weiss wohl kaum», sagte Mrs. Smith, «dass wir nicht so leicht zu schrecken sind», und irgendwie glaubte ich es ihr.
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