Nach Rave, Party und Boom der Neunziger folgte ein Jahrzehnt des Backlashs: Folter, Krieg, Krise, Angst und die Sehnsucht nach den fünfziger Jahren. Rückschau auf ein Jahrzehnt grenzenloser Freiheit in immer engeren Räumen.

Von Daniel Ryser und Carlos Hanimann

Die Nullerjahre waren fast vorbei, als Brittany Murphy im Alter von 32 Jahren starb, die bezaubernde US-amerikanische Schauspielerin, bekannt aus «8 Mile» und «Sin City». Wie ­Heath Ledger, der mit 29 starb (bekannt aus «Brokeback Mountain» und «The Dark Knight»), war Murphy ein Stern, der in den Nullerjahren zu leuchten begann und auch wieder verglühte.

Die Nullerjahre waren ebenfalls schon fast vorbei, als an einem informellen Treffen der Wirtschaftselite ein hoher Bankenüberwacher zu einem WOZ-Reporter sagte: «Zum Glück hatte Merz zur richtigen Zeit einen Kollaps, sonst hätten wir die UBS nie retten können.» Zu ideologisch sei Merz, zu sehr auf Kasse bedacht. «Merz ist ein guter Kassenwart, aber mehr nicht. Schulden abbauen ist alles, was er kann.»

Dieser Hans-Rudolf Merz kam nach seinem Kollaps im September 2008 zurück wie ein Zombie, einer, der fast am besten verkörpert, warum «liberal» heute höchstens noch ein Schimpfwort ist. Und das in einem Jahrzehnt, das ein paar irre Verdrehungen auf Lager hatte, selbstmörderische Tendenzen gar: Weil die Freiheit als Ganzes geschützt werden muss, muss die des Einzelnen stark eingeschränkt werden. Schöngeredet auch mit dem Satz: «Wer nichts verbrochen hat, hat nichts zu befürchten.» Das blinde Vertrauen in den allmächtigen Überwachungsstaat ist in den Nullerjahren fast ins Grenzenlose gewachsen. Da darf es auch kosten, was es wolle, während jeder IV-Bezüger als Schmarotzer schlechtgemacht wird. Das sind Erschütterungen des Neoliberalismus gegen unsere Gesellschaft: Gemeinsamkeit ist vorbei, jetzt gilt: Jeder gegen jeden, jeder für sich.

Früher sagten sie: Raucht, und ihr seid cool. Dann seid ihr sexy. Dann seid ihr wie Audrey Hepburn und Humphrey Bogart. Heute kleben sie Fotos verstümmelter Körperteile auf die Zigarettenpackungen und sagen uns: Wenn ihr raucht, seid ihr uncool und werdet sterben. Was gilt jetzt?

Jack Bauer hat übernommen

Aber «sie» sind ja bekanntlich kein alles richtender Gott, sondern du und ich, durch glückliche Zufälle, eine kleine Spende oder einen Wahlkampf für ein paar Jahre an die Macht gespült.

Nach den psychedelischen Drogen, den Freaks und dem Aufbruch kam der Abbruch: An die Stelle von Peace and Love, Sonnenuntergang und LSD traten Helmut Kohl, Atomkrieg und No Future. An den Börsen regnete es Koks, in den Jugendzentren Heroin. Das waren die Achtziger. Die Neunziger waren Boom und Techno, eine endlose Party auf Ecstasy, trotz hoher Arbeitslosigkeit. So richtig abwärts ging es später: Im März 2000 platzte die Spekula­tionsblase, die Dotcom-Blase, der Crash der New Economy. George Bush wurde der erste illegale Präsident der USA. Er machte in seiner achtjährigen Amtszeit den Krieg definitiv zum Mittel persönlicher Bereicherung: Länder wurden zerstört und mit eigenen Firmen wie Halliburton und Blackwater besetzt.

Es war das Guantánamo-Jahrzehnt, das Al-Kaida-Jahrzehnt. Das Jahrzehnt, in dem Folter offiziell in den Westen zurückkehrte. Ein Jahrzehnt, in dem die US-Regierung vor der Uno einen Krieg erlog. «The rules are what makes us better», sagt Jack Bauers Boss in der US-Serie «24», die Einhaltung der Regeln macht uns zu den Besseren – während er Jack in Handschellen legt, weil dieser mal wieder von einem Terroristen ein Geständnis erfoltert hat. Die Zeitfenster sind heute klein. Dein Nachbar könnte ein Schläfer sein. Im Zweifelsfall lieber gegen den Angeklagten. Gegenüber der Rückkehr der Folter kommen einem die düsteren Atom-Achtziger vor wie ein kleiner Barfussspaziergang über Neuschnee.

Nach Rave und Love-Parade tanzte die Welt in den Nullerjahren zum Terrorbeat, pausenlose Beschallung auf allen Kanälen: Anthrax, Crash, Krise, Tsunami, Sars, Vogelgrippe, Schweinegrippe, Code Red – der permanente Ausnahmezustand. Der 11. September 2001, als Terroristen die USA attackierten, war für die Kreuzzüger der Bush-Regierung ein Geschenk Gottes. Am 4. November 2008 dann wurde der Demokrat Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt. Die Welt hofft auf Change.

Während in den USA die Rechte das eigene Land zerstörte, setzte die Linke hierzulande meist auf Pragmatismus. Nicht mehr an der Macht rütteln, sondern Macht erhalten. Und ganz viel Velofahren und Sherpa-Outdoor-Trekking und Nichtrauchen und Grillieren. Rechts machen sie Revolution und wollen zurück in die freiheitsfeindlichen, ätzenden, engen, spiessigen fünfziger Jahre. Um den rechten Chefideologen und Harvard-Nachdiplom-Absolventen Roger Köppel hat sich in den letzten Jahren eine Truppe frustrierter Exlinker und Exlinksradikaler gesammelt, die heftig Dampf ablassen, flankiert von kleinen Mörgelis und Blochers, einem neuen Mainstream, der rechts politisiert. Eine Generation, die keine klaren Antworten parat hat, sich vor allem bedrängt fühlt.

Schuld an der Enge seien unter anderem softe Sozis, die viel zu sehr darauf bedacht waren, die Fahne der Toleranz hochzuhalten. Aber die Toleranz, die heute als selbstverständlich gilt, musste erkämpft werden. Und ohne diesen Toleranzkampf hätten die Meiers, Müllers, Hanimanns und Rysers und anderen Ur-SchweizerInnen an der Seite von James Schwarzenbach die Gay-SVP und die SVP-Zanettis und -Tuenas wie die Sau durch das Dorf gejagt.

Guten Appetit, Revolution!

Die Attacken auf Verfassung und Parlament, auf die «Elite», den «Mainstream» werden nach wie vor, wenn auch immer wirrer, angeführt vom Milliardär und UBS-Vertrauten Christoph Blocher (einem der mächtigsten und reichsten Männer im Land) und von Toni Brunner, einem SVP-Nationalrat, der allein für seine Bern-Tätigkeit über 122 700 Franken im Jahr (inklusive Spesen) kassiert und trotzdem permanent gegen eine Classe politique wettert, zu der er mit all seinen Privilegien gehört. Er will den Volksabsolutismus und hockt trotzdem auf seinem gut bezahlten Sessel im Bundeshaus.

Die Nullerjahre waren das Jahrzehnt der Angst. Auch bei Leuten wie SVP-Nationalrat und Minarettgegner Lukas Reimann aus der Islamhochburg Wil SG, der im Abstimmungskampf das ers­te Mal eine Moschee besuchte. Leute, die sich radikalliberal nennen, deren politischen Ziele zwar viel mit radikal, aber ganz wenig mit liberal zu tun haben. Ängste zu bedienen, hat nie dazu geführt, dass eine Gesellschaft freier, liberaler wurde, sondern bloss, dass sie enger wurde.

Wer einen DNA-Überwachungsstaat befürwortet und dafür politisiert, dass die Finanzelite sich jeder Kontrolle entziehen und im Notfall Milliarden Franken Steuergelder abkassieren kann, ist nicht liberal, der ist höchstens neoliberal. Acht Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center fürchtet sich auch die Schweiz eher vor Osama Bin Laden und einem Fernsehislam denn vor der Finanzelite. Aber diese Welt spinnt ja bekanntlich. Und auf die Wahrheit kommt es sowieso nicht an, bloss auf den Sieg. Das hat Adolf Hitler gesagt. Diese rechte Rebellion zurück zu Familie, Überwachungsstaat und Bürgerwehr ist eine Splatterversion von 1968. Auf eines ist immerhin Verlass: dass sich Geschichte wiederholt. Und die Revolution frisst bekanntlich ihre Kinder. Guten Appetit!

Verkörpert wurde dieser Drang Richtung Vergangenheit durch die Wahl der Apartheidfans und Frauenstimmrechtsgegner Christoph Blocher und Hans-Rudolf Merz in den Bundes­rat – em­pfohlen von ihrem Freund Marcel Ospel. Das war 2003, und wenigstens der eine wurde inzwischen abgewählt. Der andere könnte mit Carl Hirschmann im Platinum Room des Clubs Saint Germain erwischt werden und noch immer sagen: «Ich würde wieder alles gleich machen.»

Aber auch er muss irgendwann gehen. Spätestens 2011. Ein Mitglied der Wirtschaftskommission sagt: «Der Mann hätte nach seinem Herzkreislaufkollaps zurücktreten sollen, dann hätte wenigs­tens niemand gemerkt, dass er keine Ahnung hat.»

Dank SVP und FDP bekam die UBS dann im Oktober 2008 68 Milliarden Franken Überlebenshilfe zugesagt, finanziert aus Steuergeldern – auch wenn sie schliesslich nur 46 Milliarden benötigte. Ein Dankeschön unter anderem dafür, dass ihre Berater Diamanten in Zahnpastatuben über die Grenze schmuggelten.

Schrott reloaded

Es war ein tristes Jahrzehnt der Aufwertungen: Die Räume werden enger, die Plätze sauberer, günstige Lebensräume werden zerstört, hippe Häuser hingestellt. Es war das Jahrzehnt von Vereinnahmung jeglicher Subkultur durch den Kommerz. Punk ist höchstens noch ein Klingelton auf deinem Handy. Dadaismus ist Fun. Und die letzte Subkultur war Hiphop. Und selbst Hiphop ist tot. Nullerjahre heisst auch: Schrott reloaded! Die Teenager tragen wieder Röhrenjeans und die Twens Schnäu­ze – stecken geblieben irgendwo zwischen 1970 und 1980; ein Mix aus Tom Selleck, Sid Vicious, BWL-Studium und Laura Palmer.

Geblieben ist der Fussball: Die Fankurven der Schweizer Fussballstadien sind die nichtautonomen Jugendzentren der Nullerjahre. Die grössten Jugendtreffs der Geschichte. Aber auch sie bleiben nicht mehr lange wild und frei. Die Konferenz der Justiz- und PolizeidirektorInnen, angeführt von der jugendfeindlichen Hardlinerin und Möchtegernbundesrätin Karin Keller-Sutter (FDP), hat diesen Jugendzentren den Kampf angesagt. Hört man ihr zu, glaubt man, Fussballstadien seien Bäder voller Blut.

Es war auch das Jahrzehnt des ­vorübergehenden Sieges von Manager über Chefredaktor. Kein gutes Jahrzehnt, um in den Journalismus einzusteigen, umgeben von erfahrenen SchreiberInnen, die vielerorts ihre Sprache verloren haben, und EinsteigerInnen, die von diesen neuen, hippen Schulen kommen, wo sie Journalismus lehren, aber PR meinen. Dies alles in einem Jahrzehnt der Reduzierung der Sprache auf Kürzel und Schubladen   – Journalismus reduziert auf Hypes. Es war das Jahrzehnt der absoluten Kommerzialisierung, der Ökonomisierung. An den Unis, in den Medien, in der Kunst, im Alltag.

Raucht, sauft, tobt, liebt!

In China produzieren lassen, sich die Kohle in Zürich aufs Konto schaufeln und im Berner Oberland die Stammbeiz verteidigen. Und wenn es künftig hart auf hart kommt, soll uns eine Mauer schützen im südspanischen Almería, wo marokkanische SklavInnen den Migros-Eisbergsalat pflanzen und ernten, den wir hier in den Hamburger packen. Und wenn sie mal wieder einen Klimagipfel veranstalten, dann ist das Einzige, was die Leute sagen: «Schon verrückt. Machen die einen Klimagipfel und fliegen alle mit dem Flieger hin.»

Aber man kann sich bekanntlich nicht unsichtbar machen, und verstecken kann man sich auch nicht, der Reali­tät entziehen sowieso nicht. Vor allem dann nicht, wenn man daran ­interes­siert ist, dass die Welt ein bisschen gerechter wird. Deshalb darf man auch im Flugzeug zum Klimagipfel fliegen. Und drum, Leute: Fliegt wie wild, lebt wie wild. Und raucht und sauft und tobt und stört und weint und liebt! Aber macht es bewusst, kümmert euch. Die Welt geht nicht unter, aber drunter und drüber.

2 Responses to Nullerjahre – Jahrzehnt der Angst

  1. Netzlinker sagt:

    Ein interessanter Artikel der den heutigen Kontroll-Wahn treffend beschreibt.

  2. [...] von netzlinks am 18. Januar 2010 Ein interessanter Jahresrückblick auf dem Schweizer Blog „Nation of Swine„: In China produzieren lassen, sich die Kohle in Zürich aufs Konto schaufeln und im Berner [...]